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Schweiz: Der lange Weg nach Baku
Gemessen an dem, was unsere südlichen Nachbarn momentan anstellen, um 2012 wenigstens wieder ins ESC-Finale zu kommen, läuft es bei uns – nun ja, sagen wir: schleppend. Aber das täuscht nur, natürlich, denn zwischen Basel und Bellinzona, Genf und Chur, hat eine wahnsinnig komplizierte Prozedur begonnen, den Act für Aserbaidschan zu bestimmen. Ich muss gestehen: Es kostete mich den ganzen Sonntag, um mich in alle Lieder zu vertiefen, ja, in alle Details des Reglements.

Resümieren möchte ich das so: Am 10. Dezember findet am Rande des Bodensees eine öffentliche Vorentscheidungsshow statt, und 14 Lieder werden an dieser teilnehmen können. Zwei Canzone werden in einem eigenen Verfahren vom Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz bestimmt, drei Chansons vom französischsprachigen Flügel des Landes - und drei Lieder durch den Radiosender DRS3. Diese drei Sender dürfen aus allen Vorschlägen, die eingereicht wurden, vorab ihre Kandidaten herausfischen. Sechs weitere Lieder rekrutiert zu diesem Event die deutschsprachige Schweiz, das Publikum soll die sechs Kandidaten per Voting bestimmen.

Da es mir nicht gelungen ist, mich in die Plattform einzuloggen, gehe ich davon aus, dass manipulatives Werten aus dem Ausland heraus schwierig ist. Die sechs Publikumskandidaten jedenfalls – unter ihnen Lys Assia! – können mit 0 bis 4 Punkten versehen werden. Und jene sechs Songs, die die meisten Stimmen haben, gehen ins Finale.

Es kostet, falls ich mal so blank stoßseufzen darf, irre Mühe, alle, buchstäblich alle Beiträge wenigstens eine halbe Minute lang ins Ohr träufeln zu lassen.

Und es ist, das liegt in der Natur der Sache, auch echt viel Plunder und Müll dabei. Aber: In der Schweiz herrscht Aufruhr, denn fast kein Song hat gar keinen Fanclub, keine Postille, die sich keinen eigenen Kandidaten auserwählt hat. Kurzum: Alle können – und sollen! – sich mit irgendeinem Lied identifzieren und für dieses Werbung machen.

Die Abstimmung jedenfalls hat gestern begonnen. Ich schätze: Da freut sich die TV-Anstalt, dass jetzt alle Internetleitungen glühen.

Einen kleinen Skandal gab es im Vorfeld gleichwohl: Es gibt ja offiziell nicht nur drei, sondern vier Landessprachen – das Rätoromanische wurde vergessen. Anders als im Tessin in der Suisse Romande ist kein Act aus den geröllhaft sortierten Bergwelten des Rätoromanmischen gesetzt. Schade, denn Furbaz hat ja 1989 in Lausanne als Erben von Céline Dion eine zwar leicht unglamouröse Variante des schweizerischen ESC-Tuns abgegeben – aber es war doch sehr hübsch, was die Marie-Louise Werth und ihre Folklorejungs da so rätoromanisch sangen. Auch dies aber, dass dieser Sprachteil unglaublicherweise ausgegrenzt wurde, macht Stimmung – gut, das!

Jetzt zu meinen ersten Eindrücken: Lys Assia hat den Vorteil, dass man sie seit 60 Jahren in aller Alt-ESC-Welt kennt. Ihre Ralph-Siegel-Komposition ist nicht übel, sie selbst rüstig wie seit gleichfalls 60 Jahren – und sie ist auf der Seite mit dem Buchstaben L gut zu finden. Aber sonst? Kein Act ragt ernsthaft heraus.

Auf ehesten fiel mir auf, was im Tessin angeboten wird. Nicht nur, dass Barbara Berta, ESC-Veteranin des Jahres 1997, mit von der Partie ist. Hübsch war eine Formation, die sich Hirion nennt und sich mit einem Titel namens “Tu sei qui con me” einschmust: Es klingt, als hätte man sich an den aserbaidschanischen Gewinnern zu orientierten gewusst.

Es ist, mit anderen Worten, ein Wust an Angeboten. Das ist prima – und doch stört mich, dass das Publikumsvoting noch korrigiert werden kann durch eine Jury, die in dieser Runde ebenfalls Stimmgewicht hat, und zwar ganze 50 Prozent. Und wir kennen nicht mal die Mitglieder der Jury, jedenfalls habe ich keine offen genannten Namen gefunden.

Es bleibt also kompliziert bis rätselhaft. Andererseits: Die Schweiz macht vor, dass die ESC-Saison längst im Herbst vor dem Finale beginnen kann. Das nenne ich eine begrüßenswerte Tendenz zum Ganzjahresevent!

P.S.: Die einen suchen nach der glamourösen Formel, die anderen können auf die ihre erfolgreiche Realisation zurückblicken: Zivka Pick beispielsweise, offen schwuler Pop-Mogul aus Israel. Er hat nicht nur Danas Siegertitel “Diva” geschrieben, aus seiner Feder stammt auch ein Musical, das ehrlich gesagt an schriller Delikatesse auch “Priscilla” haushoch überlegen ist. Titel: “Mary Lou”. Dieser israelische Streifen ist für mich der Höhepunkt des  lesbisch-schwulen Filmfestivals in Hamburg. Und der Film, eine Art nahöstliche Antwort auf “Mamma Mia”, läuft am Sonnabend um 14 Uhr im Hamburger Passagekino. Ich würde sagen: Wir treffen uns dort!
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october 2011 by toco
Wir sind willkommen in Baku
Wie sagte mir ein norwegischer Kollege, der sich wie viele vom Sender NRK heftig für den ESC 2010 abgearbeitet hat: So eine Erklärung haben wir nie abgegeben – und hätten wir auch nicht. Dass nämlich alle, die zum ESC wollen, dies auch können. Egal, wie sie sind, was sie sind und wie schräg sie auch daher kommen. Aus Baku ist diese Erklärung aber nun eingetroffen, die European Broadcasting Union hatte sie eingefordert. Die aserbaidschanische Regierung bestätigt öffentlich, dass der ESC im kommenden Jahr in Baku alle willkommen heißt, die das Festival besuchen wollen. Und zwar, nun einmal konkret gesprochen, wie schwul sie auch immer aussehen oder sind.

Die Visavergabe wird leichter als üblich gehalten werden, auch die Freizügigkeit in Baku (und Aserbaidschan selbst?, das ist noch die Frage) soll auf mittel- und nordeuropäisches Normalniveau gehoben worden. Bislang hatte die Regierung diese Deklaration nicht formulieren wollen, aber nun kam die Bestätigung vom Kaspischen Meer.

Doch Baku hatte Einsehen: Ein ESC, bei dem ein Besucher Angst und Furcht haben muss, wäre die allerschlimmste Public Relation für ein Land, das doch unbedingt als europäisch wahrgenommen werden möchte.

Zum Vergleich: 2004, nach dem Sieg Ruslanas in Istanbul, gaben die Organisatoren in Kiew zwar diese Erklärung auch nicht ab, aber der damalige Präsident Wiktor Juschtschenko ermöglichte, dass alle ESC-Besucher mit einfachem Reisepass in die Ukraine kommen durften. Russland 2009 hatte das nicht gewollt, man musste sich – und ich kann ein Lied davon singen, wie umständlich und unfreundlich das war – eine Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung organisieren.

Ich finde, die Erklärung ist ein guter Grund, nun die Organisation der eigenen ESC-Reise weiter zu betreiben. Zumindest bei der Einreise und innerhalb des etwa zweiwöchigen Aufenthalts im ESC-Trubel müssen die Fans nicht mit Schwierigkeiten rechnen. Wohlgemerkt gelten diese Garantien nur für Besucher des Song Contest, von der eigenen Bevölkerung spricht die Erklärung nicht.

Tickets allerdings wird es noch nicht geben. Die Organisatoren gaben nämlich auch dies bekannt: Vor Anfang kommenden Jahres wird es keinen Verkauf geben. Ich finde, das ist nicht von übel. Denn davon abgesehen, dass es für eine noch längst nicht fertige Halle auch noch keinen Sitzplan geben kann, weiß doch letztlich jeder: Wer will, kriegt immer ein Ticket. Das war in Kiew so und wird auch in Baku nicht anders aussehen.
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october 2011 by toco
Lys und Ralph – Traumpaar für die Schweiz
Das ist die Sensation wenigstens des Monats: Lys Assia bewirbt sich wirklich um die Teilnahme am ESC in Baku. Einerlei, dass sie sich zunächst für die schweizerische Vorentscheidung qualifizieren muss, aber: Sie könnte. Denn sie hat einen Texter und einen Komponisten gefunden – und beide passen sie zu ihr kongenial: Jean-Paul Cara (“Un, deux, troi”, 2. Platz 1976 für Frankreich mit Cathérine Ferry sowie Sophie & Magaly mit “Papa Pingouin” für Luxemburg, 9. Platz 1980) und – bitte einen Tusch! – Ralph Siegel.

Lys Assia meldet sich zurück auf die Eurovisions-Bühne

Das sind drei Musketiere des ESC-Geschäfts – und ihr Lied heißt “C’était ma vie”, eine quasi imperfekte Version von Sinatras “My Way”, ein Beitrag aus der Abteilung Testament-Pop: Ein alter Mensch guckt zurück auf das, was war. Und die Assia kann das prima: Als Rosa Schärer 1924 geboren, wäre sie in Kreuzlingen, beim eidgenössischen Vorentscheid, 87 Jahre alt. Ist das nicht spektakulär? Im Clip, der über die Internetseite des schweizerischen Fernsehen zu sehen ist, wirkt sie frisch und wach. Und sie bewies ja in den vergangenen Jahren, als sie mehrmals bei ESCs live und in Farbe zu Gast war, wie juvenil sie doch wirkt, gerade im Vergleich mit so vielen der Möchtegern-Aspiranten. Nein, die Assia, eine Legende seit ihrem ESC-Triumph in Lugano 1956, hat das Feuer des persönlichen Ehrgeizes nie eingebüßt. Sie muss sich gesagt haben – und das hat sie auch mir gegenüber einmal bestätigt -, dass das, was die ja auch verhältnismäßig alten Olsen Brothers aus Dänemark 2000 konnten, sie auch drauf habe: noch zu gewinnen.

Okay, man wird feststellen, dass ihr Lied, typisch Siegel, eine Spur zu hymnisch, zu sämig und zu tragend klingt, aber soll die Assia wie Shirley Bassey mit Propellerhead etwa grooven? Nein, das war nie ihr Stil, die gebürtige Oerlikonerin liebte es immer mehr, damen- als teenagerhaft zu wirken.

Am 10. Dezember, einem Samstag, findet in Kreuzlingen (das ist genau im Anschluss ans deutsche Konstanz am Bodensee) das schweizerische Finale für Baku statt. Die Assia müsste noch aus der Internet-Abstimmung in dieses gelangen – was gewiss dank der vielen Siegel- und Assia-Fans nicht schwer sein dürfte.

Aber dass die erste ESC-Siegerin aller Zeiten nun bei dessen 57. Auflage dabei sein will, ist weniger bemerkenswert als der Umstand: Da hat eine, womöglich 88-jährig in Aserbaidschan im Mai 2012, noch die innere Glut, alters-un-milde das Unmögliche in Angriff zu nehmen.

Glückwunsch allen Beteiligten zu diesem Coup, der von Mut kündet!

P.S.: Freddy Quinn wurde im Laufe der Woche 80 Jahre. Er ist vergrämt, scheut die Öffentlichkeit und war auch 1956 in Lugano, für Deutschland, dabei. Er ist, alles in allem, das Gegenteil der Assia: unkämpferisch, immer irgendwie missgelaunt und längst jenseits des Rampenlichts. Alle Kränze seien ihm, der Schlagerlegende der fünfziger und sechziger Jahre, dennoch geflochten. Alles Gute zum neuen Lebensjahr ihm von Herzen!
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september 2011 by toco
Baku kündigt Reisepakete an
Thomas Schreiber vom NDR hat hier auf eurovision.de das Nötige zum Aktuellen in Aserbaidschan gesagt: Es sei alles im Fluss, nichts sei in Gefahr nach derzeitigem Stand, man dürfe sich freuen. Außerdem sei dieses Land zwar ziemlich weit weg, im Kaukasus, jedoch vor dem Ersten Weltkrieg  mit zu Europa gerechnet worden. In diesen Sentenzen steckte auch eine leichte Beruhigung: Habt keine Angst, hat er Fans und ESC-Freunden signalisiert, habt Vertrauen.

Ja, das wollen wir. Denn, bei aller Vorsicht: Ressentiments gegen ESC-Länder, die das Festival veranstalten, gab es stets und ständig. Etwa gleich nach dem Sieg von Tanel Padar und Dave Benton in Kopenhagen, als es hieß, ob es nicht zu riskant sei, nur ein Jahrzehnt nach der sowjetischen Zeit dorthin zu reisen. Wie wir wissen, waren die Befürchtungen dumm und zerschellten an der estnischen Wirklichkeit im Jahr darauf gründlich.

Und wer glaubt, Aserbaidschan liege doch sehr weit weg von Mitteleuropa und gleichzeitig so nah am Iran, ja, auch an der Nordflanke Afghanistans, dem möge gesagt sein: Aus der Perspektive von Portugiesen war Finnland auch nicht gerade nah. Und für Isländer war 1999 die Reise nach Jerusalem weiter als sie es in die USA gewesen wäre.

Nun hat die aserbaidschanische Tourismusbehörde mitgeteilt, dass man im nächsten Jahr Reisepakete nach Baku anbieten werde. Tickets für die Semifinals wie auch für das Finale plus Anreise plus Hotels in angemessenem Standard – eine Woche ab etwa 1.100 Euros. Abhängig ist der Preis noch von den Kosten für die Tickets und der gewählte Hotelkategorie, das Ministerium legt sich noch nicht endgültig fest. Dennoch: Ich nenne das zivil und bezahlbar. Düsseldorf, so heißt es in der Nachricht, sei alles in allem für die gleiche Leistung nicht so günstig zu haben gewesen.

Bleibt nur zu hoffen, dass bis zum kommenden Jahr die Visumslästigkeiten auf ein erträgliches Maß heruntergeschraubt werden. Momentan hört man noch, nach Baku zu reisen sei in etwa so schwer wie zu Sowjetzeiten. Das aber wäre nicht europäisch. Aber europäisch in einem idealen Sinne will die kulturelle Elite des Landes dort sein. Sie wird das Problem lösen, hoffentlich.

Aber zunächst, das darf gesagt, ist die Meldung über das Reisepaket eine gute Nachricht.
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september 2011 by toco
Das Projekt Baku kommt in Fahrt
Das sind doch gute Nachrichten, die am Ende des ersten ESC-Treffens in Baku an die Öffentlichkeit dringen. Um mein Resümee vorweg zu nehmen: Ich freue mich auf dieses Land, auf diese interessante kulturelle wie politische Erfahrung nur wenige Kilometer von Teheran entfernt. Es wird faszinierend und gut, womit ich hoffentlich auch gleich alle Gemüter beruhigt habe, die meinen, in meinen Kritiken sei eine Ablehnung, die vor allem kleineren Ländern gelte. Quatsch. Eher übersichtliche Staaten wie Estland oder Lettland präsentierten sich ja auch als hervorragende Gastgeber – in beiden Fällen im Übrigen mit solidarischer Hilfe aus Schweden, England und Deutschland.

Jetzt zu den Nachrichtenwerten selbst. Gut ist, dass eine Halle gebaut werden wird – und den Zuschlag für das Projekt erhielt ein großes Baukonzern aus Bayern, von dem man hört, er hätte die Hamburger Elbphilharmonie schon vor drei Jahren fertig gestellt. Diese Firma wird die Location bauen – das kann, so hört man, ein schönes Objekt werden. Ob es auch pünktlich fertig wird? Teilnehmer der ESC-Konferenz teilten mit, man gehe fest davon aus – und letztlich ist ja eine ESC-Halle noch nie nicht fertig geworden. Wir wissen allerdings nicht, wie es dazu kam, dass diese Firma das Rennen machte, oder wie hoch die Kosten dafür sind.
Gut hört sich auch an, wie Teilnehmer dieses ESC-Treffens ihren Eindruck aus Baku beschreiben: Dass es ein dynamisches Land sei, das nach viel zu vielen Jahren Sowjetunion seit zwei Jahrzehnten versuche, mit Hilfe von Öl und Gas auch ökonomisch Anschluss an die Welt zu finden. Baku sähe überdies hübsch aus, die Menschen seien freundlich … Na, das kann ja was werden, nämlich was Sympathisches, möchte ich hoffen.

Ungeklärt ist nur die Frage der Visa und der Freizügigkeit überhaupt. Die Reference Group des ESC – also das Generalsekretariat der Show – wollte eine Zusage der aserbaidschanischen Regierung, dass alle Teilnehmer des ESC, Fans und Journalisten, Visa ausgehändigt bekommen, dass sie sich in Aserbaidschan frei bewegen können und dass es, ohne es direkt zu formulieren, nicht als anstößig behandelt wird, dass das Gros des ESC-Trosses schwul oder lesbisch ist.

Diese Zusage in brieflicher Form hat es nicht gegeben – aber, so hört man, man arbeite weiter daran. Wobei hinzuzufügen ist: Länder wie Norwegen, Finnland oder Deutschland mussten diese Bekundigung nicht vorab formulieren.  Aber warum auch hätten sie das auch tun sollen? Liberale Länder – wo hätte bei denen das Problem gelegen? Aber Aserbaidschan ist eben eine andere Tasse Tee: Man hört von Menschenrechtsverletzungen, von Missachtung der politischen Opposition – und von staatlichen Überwachungsgschichten, die viel auf Polizei und Einschüchterung, nicht auf Freisinnigkeit setzt.

Wenn ich an die Ukraine im Jahr 2005 denke, habe ich auch für Aserbaidschan Hoffnung. In der Ukraine galten Visumszwänge, als 2004 Ruslana in Istanbul gewann. In Kiew 2005 selbst war die Einreise frei mit dem Reisepass möglich. Eigens für den ESC hatte dieses Land seine Grenzen erheblich gelockert. Das stimmt auch in Sachen Baku optimistisch.
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september 2011 by toco
Einwirkungen in Sachen Baku
Die Meldung ist schon einige Tage alt, aber ich erlaube mir, sie zu referieren – soll doch niemand sagen, er habe in den Sommerferien wichtige Neuigkeiten verpasst. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, der FDP-Mann Markus Löning, äußerte sich kürzlich zur Lage in Aserbaidschan. Der ESC sei eine gute Möglichkeit, um auf Missstände in diesem Land aufmerksam zu machen, erklärte er. Wörtlich meinte Löning:  “Ich kann mir nicht vorstellen, dass man Lieder trällern kann, während ein paar Kilometer weiter Leute ohne Grund im Gefängnis sitzen.”

Und er hat recht. Ich nehme ihm nicht übel, dass er in seiner Formulierung die Wendung von “Liedern trällern” aufnahm – als ob “Lieder trällern” nicht hochpolitisch sein könnte. Auch sei ihm
nachgesehen, dass er vor gut zwei Jahren, als der ESC in Moskau war, noch keine Silbe über die russischen Verhältnisse verlor, vor allem, was die Freisinnigkeit schwulen Männern gegenüber anbetrifft.

Auch will ich ihm nachsehen, dass sein Monieren für ESC-Länder wie die Ukraine gelten könnte – davon abgesehen, dass die Teilnahmeerlaubnis für Länder wie Weißrussland oder eben auch Aserbaidschan für mich schon deshalb umstritten bleiben muss, weil in diesen wie etlich anderen Ländern, die einst zur Sowjetunion gehörten, die Menschenrechte nur auf dem Papier gewahrt werden, aber nicht in der Praxis.

Aus der European Broadcasting Union in Genf ist zu hören, dass man sich in politische Dinge nicht einmischen wolle, der ESC überhaupt ganz fern von Politik stünde. Ja, das mag diese Institution so denken – und wenn sie dies wirklich dächte, würde man am Verstand ihrer Mitglieder zweifeln. Denn Aserbaidschan muss doch im kommenden Jahr Freizügigkeiten gewähren, die deren Regime seinen Bewohnern nicht einräumt. Es gibt dort ein ausgeklügeltes staatliche Überwachungssystem gegen alles Oppositionelle, Regimegegner werden eingeschüchtert. Eine Demokratie ist Aserbaidschan nicht.

Damit will ich sagen: Wir werden die Behauptung, der ESC habe mit Politischem nichts zu schaffen, in den nächsten Monaten ins Absurde befördern. Weil wir böse sind? Nein, weil die Wirklichkeit so aussieht. Wir werden Themen erörtern rund um den ESC, die immer auch wie Dornen in die Häute der Machthaber in Baku einwirken. Wir sind dazu gezwungen, will man nicht vorsätzlich die Augen verschließen – und damit lügen.

Wenn aber die EBU den unpolitischen Charakter des ESC nur aus taktischen Gründen behauptet, also zwar um die Brisanz eines ESC in Baku weiß, aber formell das Gegenteil behauptet, um zugleich den Fans und Journalisten Freiräume zu verschaffen, dann wäre das gut.

In Aserbaidschan beginnt für mit Ablauf der Sommerferien die heiße Phase der Planungen für 2012. Die Reference Group des ESC trifft sich in wenigen Tagen in Baku und wird sich dort über den bisherigen Planungsstand informieren lassen. Noch ist nicht einmal entschieden, in welcher Halle man das Event stattfinden lassen möchte.  Wir werden genau hinschauen. Der ESC ohne Empfindsamkeit Menschenrechten gegenüber verriete seine Traditionen. Das aber wollen wir auf keinen Fall.
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august 2011 by toco
Bitte nicht diese!
Eben gerade aus den Ferien zurück. Aus den USA, Westcoast. Küsten, Nebelwände, Schleierwolken, Seelöwen – und ein Freund, der bekannte, dass er aus Europa, dortselbst studierend, als liebstes den Eurovision Song Contest mitgebracht habe. Ja, so war das mit dem Urlaub. Gleichwohl spricht natürlich auch die halbe Castro-Street in San Francisco über Aserbaidschan. Na, sagen wir: Ein Achtel Castro-Street. “Why is Azerbaidshan belonging to this event – it is not Europe?” Ist eben so: Eurovision ist nicht gleich geografisches Europa – Hawaii ist ja auch eigentlich Polynesien und doch Teil der Vereinigten Staaten.

Die Spice Girls zu ihren besten Zeiten, 1997: Mel B, Mel C, Gerri Halliwell, Emma Bunton und Victoria Adams (heute Beckham).

Und dann dieser Schock. Erste U-Bahn-Fahrt in Berlin, morgens, sehr früh an diesem Teil des Tages. Und was lese ich: “David Hasselhoff zum Eurovision Song Contest?” Ich will nicht verhehlen: Diese Meldung musste ich genauer klären und erfuhr, dass der dünnbeinige Ex-Rettungsschwimmer tatsächlich dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat – nur um es kurze Zeit später zu dementieren. Und im Netz las ich: “Spice Girls reunite for Eurovision?” So eurovision.tv, die offizielle Webseite des ESC.

Um es unverschämt zu sagen: Inzwischen ist der ESC offenbar so attraktiv, dass alle möglichen Popleichen versuchen, über diesen wiederaufzuerstehen. Ob es nun Sternchen aus irgendwelchen Castingshows sind, die, nachdem man sie auspresste wie blasse Zitronen, noch einmal ins Scheinwerferlicht streben, oder echte Poplegenden, die – ob nach Alkohol- oder Bulimietherapie – sich nach Bühne und Glanz zurücksehnen: Das darf doch nicht wahr sein!

Hasselhoff kann ja nicht mal singen. Er ist so faltig und leicht gefeistet wie Johnny Logan, der allerdings seine Meriten gesammelt hat, im Gegensatz zum “I’ve Been Looking For Freedom”-Sänger. Hasselhoff, das wäre für unsere Nachbarn die sichere Garantie, dass man gar und überhaupt keine Punkte bekommen wird. Der könnte vermutlich selbst eine geniale Folgekomposition von “Waterloo” singen und wirkte immer noch nur viertelsympathisch.

Und die Spice Girls? Das Gerücht kam durch Gerri Halliwell auf, ein Teil dieser Nicht-mehr-ganz-jung-Frauencombo. Möglicherweise neidet sie Victoria Beckham die Karriere als Frau an der Seite von David Beckham, mitsamt Kind und Kegel. Das durfte man einen guten Übergang ins bürgerliche Leben nennen – aber der Halliwell gelang er nicht so reibungslos. Nun will sie den ESC als Therapie nutzen – und ich finde: Das geht zu weit. Auch das Vereinigte Königreich sollte – zumal nach Blue und deren gutem Resultat – nicht wieder in Bedeutungslosigkeit zurückfallen.

Eine richtige, echte und bestätigte Nachtricht gibt es jedoch aus Holland: John de Mol, legendärer niederländischer Fernsehproduzent, wird den niederländischen Vorentscheid produzieren. John de Mol und seine Firma Endemol stehen für Formate wie “Wer wird Millionär?”, “Nur die Liebe zählt” oder “Big Brother” – um nur einige der bekanntesten zu nennen. Spätestens damit ist klar: In den Niederlanden können die Popleichen in ihren Kellern bleiben, denn was ein John de Mol anfasst, das wird ein gutes Unterhaltungsformat ohne ewiggestrige Pseudo-Stars aus der Mottenkiste. Hoffentlich ist die britische BBC ähnlich gut beraten …
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august 2011 by toco
Der Strom beginnt bald zu fließen
Falls man ein Bild der ersten Wochen und Monaten nach Düsseldorf malen möchte, böte sich dieses an: Aus einem Rinnsal irgendwo in Quellnähe – als die die Sitzung der ESC-Gewaltigen unmittelbar nach dem Abend von Düsseldorf gelten könnte, noch in Düsseldorf selbst – wird in Bälde wieder ein ziemlicher mächtiger Fluss. Viele Länder haben ihre Teilnahme für Baku bereits bestätigt. Die Schweiz, die Niederlande, Norwegen und Schweden sind längst in den Showplanungen begriffen.

Und wenn die erste Vorentscheidung entschieden ist, können wir heftig auf diesem schon großen Fluss rumschippern. Aber fragen muss man dennoch: Wird alles wie immer?

Ich schätze, wir werden, als Kontinent, auf dem sich ebenfalls die große Finanzkrise abspielt, noch Überraschungen erleben. Die Meldung, die neulich mich erreichte, will ich nicht verschweigen: Der Junior Eurovision Song Contest wird tatsächlich stattfinden, aber es werden nur noch 12 Länder am 3. Dezember in Eriwan mit dabei sein. Viele Länder verzichteten, und zwar aus finanziellen Gründen. Sietse Bakker von der EBU sagte: “Wir werden diesen Wettbewerb veranstalten, wir haben Vertrauen in sein Potential.” Und gebrauchte weiters das Wort von der “Periode der Herausforderungen”. Immerhin: Da die Teilnehmerzahl so gering ist, kann die Punktevergabe zum klassischen Muster zurück kehren: Alle Sprecher aus den Ländern werden die Punkte von 1 bis 12 vorlesen, nicht nur die 8, 10 und 12 Zähler. Man ist so übersichtlich wie einst beim ESC!

Wer noch Zeit hat, ehe, wie oben fantasiert, aus dem Bach ein Fluss wird, sollte lesen. Frédéric Martels Buch “Mainstream”, aus dem Französischen stammend, ist neulich auf Deutsch erschienen und ist nichts als eine absolut gut lesbare, unterhaltsame, kernige wie faktensatte Reportage über die Globalisierungstendenzen der Kultur: Wie man einen Event plant und durchzieht, wie man Stars macht und andere nicht zu Sternen machen kann. Wie wird aus einer TV-Serie – etwa “Desperate Housewives” – oder einer Chanteuse – wie Lady Gaga – ein globales Identifikationsobjekt, mithin ein Produkt. Das ist ziemlich erkenntnisreich.

Das Verblüffende der Recherchen ist für mich gewesen: Wie international längst alle Kultur geworden ist.

Okay, der ESC war immer ein Ereignis, das schon der vielen Länder wegen eine Mixtur aus vielem war. Kultur im naturalen Sinne gab und gibt es ja ohnehin nicht, jedes Land setzt sich, sobald es in Kontakt mit anderen gerät, Mischungen aus – aber beim ESC kam ja immer hinzu, dass Texter und Komponisten in Ländern tätig wurden, die nicht die ihrer Heimat waren. Klaus Munro etwa, Komponist von “Après toi“, ist ein Deutscher.

Und, um es nicht ausufern zu lassen, die aserbaidschanischen Sieger hatten wirklich nichts mit jener Musik zu tun, die man rund um Baku so vor 100 Jahren hörte. Nein, ein skandinavisches Team schrieb “Running Scared”. Aber war das importierte, nicht legitime Kultur?

Nein, wer schon mal außerhalb der eigenen Landesgrenzen war, wird wissen, dass die sogenannte kulturprägende Musik seit vielen Jahren, Jahrzehnten nie Folklore war – diese immer nur eine Nische besetzte. Man könnte sagen, auch das hat Frédéric Martel fein herausgefunden, die Macher von lettischer Volksmusik basteln an dieser Musik – in Brooklyn, New York City, herum. Internet macht es möglich!

Der ESC ist wie der Fußball: Man identifiziert sich mit dem eigenen Verein, etwa, was mich anbetrifft, mit dem HSV – und es ist einem einerlei, ob in dieser Mannschaft noch Männer aus Hamburg und Umgebung mitmachen. So ist es auch beim ESC: Man identifiziert sich mit einem Act – und begegnet dem Umstand, das dieser nicht von Menschen mit den gleichen Pässen wie der, den man selbst hat, gefertigt wurde.

Die Internationalisierung ist längst eine Tatsache – und der letzte Beweis war und ist, dass auch bei den Entertainenden, Sängern und Sängerinnen, allenthalben die Kinder von Einwandern eine Geige spielen.

Der Fluss wird weiter anschwellen, das ist sicher. Bis Ende Mai 2012. Die Verhältnisse sind nicht mehr wie einst. Der ESC ist Teil der Eventkultur geworden. Ich würde sagen: keine Trauer, bitte. Hauptsache, die Punkte und Moderatoren und die Moden bleiben – oder wengistens: die fashion victims! Das wird sich, Gott sei Dank, nie ändern.
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august 2011 by toco
Die ersten Gerüchte
Neulich erhielt ich elektronische Post von einem Freund aus dem Rheinischen, den ich nicht als Wichtigtuer kenne. Nein, für alle Informationen, die er mir steckt, hat er stets sichere Quellen.

Jetzt leitete er mir eine Mail weiter, in der steht: “I have permission to have the great honour to announce Ivi Adamou will be representing Cyprus in Baku! Yay! (…) The song will be chosen on a New Years Eve show. Three songs will be presented and one will be selected by jury and televoting. The submission of songs will be open to all song writers from anywhere.” Die Zeilen schließen mit den Worten: “Cyprus wants to win Eurovision!”

Also: Ivi Adamou heißt die junge Frau, die am Neujahrstag drei Lieder vorstellen wird, von denen eines das Ding für Baku sein soll.

Gott ja, möchte man meinen, welches Land will das nicht – und Zypern wäre doch mal dran, oder? Bislang kennen wir dieses Land als treuesten und sklavischsten Punktelieferanten Griechenland und als Ferienziel neureicher Russen.

Aber ich schätze: Das ist das erste tragfähige Gerücht im Hinblick auf Baku. Schaut man sich diese Dame auf youtube an, erkennt man auf Anhieb: Sie singt durchschnittlich begabt, sie wirkt auf Anhieb nicht sehr charismatisch, dass es sowohl zu Zypern wie auch zum ESC passt.

Das findet ihr bestimmt zu böse, oder?

Ist nicht so gemeint – in meine Worte ist nur die alles in allem sehr oft bedenkliche Qualität der zyprischen Mühen im Hinblick auf den ESC eingewoben. Ich wünschte, es klänge alles schöner und stimmiger und siegesmöglicher.

PS.: Fans haben herausgefunden, dass die Briten Blue die populärsten ESC-Teilnehmer dieses Jahres sind – gemessen an den Freundschaften auf Facebook. An der Spitze der Freundschaftscharts steht jedoch nach wie vor für alle Grand-Prix-Teilnehmer – jawoll: Céline Dion. Und Abba fast gleich dahinter. Zwischen beiden Acts tummeln sich noch die Jungs von Manga, dahinter dann Blue, ehe sich Lena auf Platz fünf einfindet. Die Frage, die sich stellt: Blue vor Lena – kann das seriös sein?
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august 2011 by toco
Wir trauern mit Norwegen
Es ist unfassbar und nicht in Worte zu fassen, das, was am vergangenen Freitag in Norwegen geschehen ist. Norwegen, ein Land das sich selbstverständlich als multikulturell verstand, wurde in seinen Grundfesten erschüttert.

Ohne die Idee des ESC instrumentalisieren zu wollen, aber: Das, was der mörderische Attentäter zu zerstören beabsichtigt, jene, die er umbrachte, standen auch für ein modernes Europa, das sich nicht monokulturell oder nationalkulturell verstehen will, sondern als lebendige Mischung aus Einflüssen, vor allem kultureller Art.

Dafür, mit anderen Worten, steht auch der ESC. Dass Norwegen dieses Jahr durch eine Bürgerin afrikanischer Herkunft repräsentiert wurde, ist hierfür bezeichnend. Stella Mwangi wurde in ihrer Heimat haushoch zur Kandidatin für Düsseldorf gekürt – dass das möglich war und ist, verstehen wir als gutes Zeichen.

In der Süddeutschen Zeitung findet sich ein Text, der sich einmal mehr des 1516 Seiten starken “Bekennerschreibers” des Attentäters annimmt. So lesen wir: “In den 1516 Seiten finden sich auch Schilderungen, wie er (der Attentäter Breivik, JaF) am 14. Mai den Eurovision Song Contest verfolgt: ‘I just love Eurovision…!:-)’. Der Wettbewerb, der dieses Jahr in Düsseldorf stattfindet, biete zwar “eine Menge Scheißmusik, aber alles in allem ist es eine gute Show.”

Weiter heißt es in dem Text, dass er sich ein gutes Abschneiden Norwegens nicht wünscht. Für die Skandinavier singt Stella Nyambura Mwangi. Sie wurde in Kenia geboren und kam 1991, noch als Kind mit ihrer Familie nach Norwegen. Breivik schreibt enttäuscht: “Mein Land schickt wie immer einen beschissenen, politisch korrekten Teilnehmer.’ Der Beitrag (in der Interneterklärung, JaF) endet mit dem Satz: ‘In any case, I hope Germany wins.’”

Breivik, der in Einträgen auf norwegischen Blogs wahlweise als “Monster” oder “Zombie” bezeichnet wird, äußert freilich ein Unbehagen, das viele der traditionell orientierten Europäer mit ihm teilen – und damit will ich nicht sagen, dass diese insgeheim die gleichen mörderischen Phantasien (gar Taten) wie der Attentäter hegen. Nur: In vielen Statements gerade zu Stella Mwangi las man, nicht nur in Norwegen, auch bei uns, viel Schmäh, die sich stets um das Gleiche dreht: So eine könne doch nicht ihr Land repräsentieren, denn Afrika sei ja nicht dabei.

Nun, es sind oft die Gleichen, die in dieser Hinsicht meckern, mosern oder gar giften, welche beim ESC den guten alten Schlager vermissen. Und manche argumentieren, Entertainerinnen wie Mwangi oder Dave Benton (neben Tanel Padar Teil der estnischen Sieger 2001, aus Aruba stammend) verwässerten die nationalen Kulturen und machten den ESC zum Einerlei.

Ich würde sagen: Das ist gerade der Irrtum. Europas kulturelle Einflüsse haben sich niemals, zu keinem Zeitpunkt, an sich herauskristallisiert – sie waren immer Mixturen aus Nebenflüssen diversester Art. Der ESC bringt dieses feine Kuddelmuddel Jahr für Jahr zusammen: Wer gewinnen will, wenigstens nicht letzter werden möchte, muss sich aus Stilen bedienen, die in anderen Ländern verstanden werden. Man muss, um zu gefallen, verführen. Das gilt für das richtige Leben, das trifft ebenso auf den ESC zu. Ein Popfestival als Wettbewerb, der in sich prinzipiell die Idee der Vermischung trägt.

Das hat mir immer gefallen – und das ist genau das, was Attentäter wie diesen selbstgewiss mörderischen Norweger so gefährlich macht. Sie glauben an eine kulturelle Wahrheit, sie sind gegen Multikulti – und im Falle des Attentäters missfiel ihm die Kandidatin des eigenen Landes, die sehr deutlich die nationale Vorentscheidung gewinnen konnte.

Der kaltblütige Amoklauf vom Wochenende war auch ein Angriff gegen ein multikulturelles Europa. Wir trauern mit den Opfern.
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july 2011 by toco
Kann ein Koffer helfen?
Es tröpfeln momentan nur wenige Nachrichten aus der Welt des Eurovision Song Contest – es ist ja überall irgendwie Sommer -, aber so viel steht fest: Zum nächsten Jahr in Aserbaidschan haben schon anderthalb Dutzend Länder zugesagt. Und einige haben schon erste Skizzen ihrer Vorentscheidungsmühen öffentlich unterbreitet.

Schweden wird künftig von Christer Björkman produziert – er ist der starke Mann beim Sender SVT für dieses Programmformat. Man darf seinen neuen Job als Belohnung für Eric Saades dritten Platz werten. Norwegen hat auch schon erste Linien seines Engagements für Baku bekannt gegeben.

Am originellsten fand ich aber das, was aus den Niederlanden zu hören ist. Dieses Land ist ja insgesamt in den vergangenen Jahren von einem zum nächsten Alptraum geschüttelt worden – auch die holländische Band, die es in Düsseldorf probierte, musste im eigenen Land schön gehört werden, ehe man daran glaubte, es bis ins Finale zu schaffen. Nix da!

Man hat so vieles probiert: Glamourdisco, Heterojungshalbrock, Perkussionsorgien … aber nie nützte etwas, immer wurde das einst doch ziemlich erfolgreiche ESC-Land als viel zu fadenscheinig ambitioniert zurückgewiesen.

Der Sender TROS gab nun bekannt, für die nächsten drei Monate auf seinem Sendergelände in Hilversum einen Riesenkoffer geöffnet zu halten – am 30. September wird er geschlossen. Hineinpacken darf man alles, was für einen Act in “Bakoe” (niederländisch für Baku) wichtig ist. Texte, Kompositionen, eigene Liedbeiträge … also eine Mixtur aus allem. Dort soll landen, was ein jeder an Kreativität einzubringen hat.

Klingt das wie eine Notlösung? Eine Mobilisierung, die auf Sammelsurisches verweist? Oder ist es eine phantasievolle Geste, auf die das Publikum nur gewartet haben mag?

Ich finde die Idee prima. Der Sender lernt kennen, was dem Volk auf den Herzen liegt. So heißt es nicht: “Alles Walzer!”, wie bei irgendeinem Opernball, sondern “Alles Eurovisie!”. Sehr gefällig, sehr verzweifelt. Aber wie wir bei dieser Fußball-WM der Frauen erleben konnten, erwächst, wie am Wochenende durch die Amerikanerinnen, aus verzweifelten Angriffen hin und wieder ein Treffer.

TROS will es wissen. Ich finde, wir sollten diesem Verfahren mit gebotener Neugier Respekt zollen!
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july 2011 by toco
Eine gute Regeländerung
Skeptisch blieben wir ja alle, als diese kleine, nicht unwichtig scheinende Änderung des Regelwerks während des ESC 2010 eingeführt wurde: Seit Oslo nämlich konnte man vom ersten Lied an für sein jeweiliges Lieblingslied anrufen – also den seinigen Teil zum Ergebnis beitragen.

Das rief bei vielen Zuschauern Unmut hervor: Wie könne man für etwas abstimmen, was man noch nicht kennt?

Das Verfahren wurde auch in Düsseldorf zur Anwendung gebracht, aber nun kommt wieder alles zum Alten, Bewährten. So hat es die Reference Group, das Zentralkomitee des ESC nun auf ihrer Sitzung in Genf beschlossen. Und dieses gute, wahre Alte geht so: Abstimmen, also anrufen, darf man erst nach dem Gongschlag, und der ertönt nach dem letzten Lied.

Das gilt für das Finale wie für die Halbfinals. Der Zeitraum der Telefonabstimmung ist somit wieder erheblich kürzer, aber, so fanden Experten im Auftrag der Reference Group heraus, das werde am Resultat nichts ändern. Denn nach allen Auswertungen stand fest: Während der Lieder riefen nur wenige Menschen auf den freigegebenen Nummern an. Insofern könne man sich die Möglichkeit, während der Acts kurz nach 21 Uhr deutscher Zeit zu voten, gleich schenken: Das habe nur Verschwörungstheorien Auftrieb gegeben – und das wolle man nicht.

Näheres weiß man leider aus der Reference Group nicht.

Viel prekärer finde ich, dass man nicht erfährt, welche Länder wirklich in die Gesamtwertung Televoting-Ergebnisse eingebracht haben und bei welchen Ländern nur das Juryergebnis den Ausschlag gab. Die Regeln der EBU besagen nämlich, dass jedes Land beim Televoting ein bestimmtes Quorum erreichen muss (welches, teilt uns die ESC-Behörde nicht mit) , also eine bestimmte Anzahl an Telefonanrufen und SMS. Wenn das Quorum nicht erreicht wird, galt (und gilt auch in Baku) nur die Juryabstimmung.

Zur Erinnerung: Italien landete bei den Jurys haushoch auf dem ersten Platz; weil Aserbaidschan aber bei den Televotern vorne lag (vor Schweden) und bei den Jurys nicht allzu schlecht abschnitten, landete es im Durchschnitt eben an der Spitze.

Will sagen: Problematisch war und wäre nicht, dass man während der Acts bereits anrufen darf, sondern dass die Jurys faktisch ein Übergewicht bekommen haben. Ich vermute, dass ein Dutzend Länder es nicht schafften, genug Anrufer zur Wertung zu motivieren.

Damit möchte ich nicht sagen, dass das alles doof und übel ist. Aber ich hätte gern Transparenz – und öffentliche Nachprüfbarkeit.

Was nichts daran ändert, dass ich das Abstimmen nach den Liedern besser finde als eine einsetzende Telefonhysterie bereits nach wenigen Minuten des ESC selbst. Wohlan!
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june 2011 by toco
Mit dem ESC auf Reisen
Neulich ließ ein Freund eine superfeinfühlige Bemerkung vom Stapel: „Okay, der Eurovision Song Contest ist eine Show, die man gesehen haben muss“, sagte er. „Sonst kann man einfach nicht mitreden.“ Ich hatte mich nicht unter Kontrolle, blieb nicht kühl, sondern schlaumeierte zurück: „Na klar, jetzt folgst du bloß einer Herde, du Schaf! Jetzt hast du plötzlich deine Meinung geändert. Wer wirklich in Sachen ESC auf sich halten möchte, findet auch die Acts der Achtziger und Neunziger gut, und zwar auch die jugoslawischen.“ Ich konnte natürlich nicht verraten, dass mich das bedauernswerte Jugoslawien immer so Mitleid erregend mitzittern ließ: Kriegen die einen Punkt? Natürlich, Tereza war 1972 mit “Musika i ti” eine formidable Ausnahme.

Jedenfalls: Nach Düsseldorf wissen wir, dass der ESC jene Show ist, über die man nicht schweigen möchte, im Guten nicht, im Bösen ebenfalls nicht.

Der Freund ätzte im Übrigen zurück, er wollte nicht klein beigeben. So murmelte er hörbar:  “Aber der ESC bringt nach wie vor keine Stars hervor.” Ich daraufhin: “Das sagt einer, für den R.E.M. oder Massive Attack oder Seeed! Offenbarungen sind – aber das ist doch der pure Mainstream.” Tatsache ist auf alle Fälle, dass, wer beim ESC eine prima Show hinlegt, hinterher karrieretechnisch nix zu meckern hat. In Deutschland kann hiervon Mary Roos Zeugnis ablegen. Also: “Wer beim ESC performt, kann selbstverständlich ein Star werden!” Und dann fiel mir wieder Jugoslawien ein…

Doch jetzt mal Schluss mit dem Gelästere über Jugoslawien. Erstens gibt es das nicht mehr - es ist jetzt ein zerbröselter Staat, der eine Vielzahl kleinerer Staaten hinterlassen hat. Und zweitens ist das ehemalige Jugoslawien mein Urlaubsziel in den nächsten Tagen. Einfach mal hinfahren in eine Gegend, die uns wunderbare Lieder, Sänger und Sängerinnen geschenkt hat – von Marija Serifovic abgesehen.

Wir fahren in die Nähe von Split, also ins Land von Danijela, Doris Dragovic und Riva. Man sollte Reisen sowieso dazu nutzen, sich fortzubilden. Sonst wird man irre im Kopf – ja, wird wie mein Kumpel, der so weltläufig tut und doch immer nur deutsch bleibt. Nein, der ESC lässt uns Reiseziele aussuchen. Kroatien soll es sein – das Land, das es dieses Jahr nicht ins Finale geschafft hat, verdienterweise, muss man sagen.

Wir freuen uns. Hiermit ist dieser Blog für eine Woche Ferien in der Pause – ich gehe auf Hochzeitsreise, jawoll. Meine erste und einzige. Es wird sich gut anfühlen. Nächstes Jahr, nur mein Gefühl, gewinnt ein Act aus dem ex-jugoslawischen Territorium. Ein schönes Wochenende, eine schöne Woche Euch und Ihnen!
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june 2011 by toco
Katerfrühstück: Fußball
Nur die wenigsten ESC-Fans waren schon mal in Baku, etwa Herr Rubinowitz, der während der Siegertage von Ell und Nikki am Kaspischen Meer interessante Tage verbringen durfte. Aserbaidschan ist aber für die allermeisten ein exotisches Pflaster.

Als Appetizer schlage ich vor, sich heute Abend das sportlich recht deutlich prognostizierbare EM-Qualifikationsspiel anzuschauen. Löws Mannen treffen auf die Auswahl des kaukasischen Landes, die im Übrigen vom EM-Meistertrainer des Jahres 1996, Berti Vogts, betreut wird.

Aserbaidschans Kicker nehmen seit den mittleren Neunzigern an Europas Fußballgeschehen teil. Sie sind sportlich ungefähr so schlecht wie musikalisch Andorra und meistens Portugal beim ESC – und sie sind dennoch bemüht, es dem Favoriten zu zeigen. Beim Deutschen Fußball-Bund geht man allgemein von drei Punkten Zugewinn in der Qualifikationstabelle aus; Aserbaidschan selbst ist selbst theoretisch chancenlos, noch das Turnier im nächsten Jahr zu schaffen.

Worauf ich aber hinweisen möchte, ist dies: Man sieht echte erste Bilder aus Baku. Wir sehen das Tofik-Bachramov-Stadion, einen Ort, der nach jenem Linienrichter benannt wurde, der 1966 das dritte englische Tor anerkannte – obwohl der Ball deutlich nicht hinter der Linie war.

So werden wir allmählich an dieses Land herangeführt: über den Fußball, heute im Fernsehen, von 18:30 Uhr an in der ARD. Was wir sonst schon wissen, werden wir in den Nebenreportagen zu dieser Partie erfahren: Dass das Kaspische Meer vor Baku nicht geeignet ist, ein erfrischendes Bad zu nehmen, es sei nämlich von einem schillernden Schmierfilm bedeckt. Der Ölproduktion wegen! So haben es die Kicker von Borussia Dortmund gesehen, als sie vor knapp einem Jahr zum Europa-League-Spiel bei Qarabaq Agdam weilten.

Über Baku soll außerdem ein steter Geruch nach Öligem liegen – auch dies ist nun kein Geheimnis mehr. Aber: “Lonely Planet”, der im Reiseführerbereich der jugendlichen Rucksacktouristen das ist, was unter Weinkennern der Gault Millaut bedeutet, hat Baku zu den Top 10 des Nachtlebens erklärt: ein Hot Spot der Dunkelheit, wenn man so sagen möchte.

Aber: Weil man beim Fußball so schlecht ist, weil man außerdem im World-Ranking der korruptesten Länder auf Platz 134 liegt, etwa auf dem Niveau von Bangladesh, Sierra Leone und Honduras, wird der Sieg beim ESC umso stolzer gefeiert: Ell und Nikki, aserbaidschanisch gesprochen: Eldar Qasimov und Nigar Camal, sind die Helden von Baku – Doppel-Lenas ihres Landes.

Schauen wir genau zu: Fußball hat auch einem ESC-Fan noch nie geschadet. Es ist schön anzuschauen, und nach allem, was man wissen kann, werden für die Deutschen auch einige Treffer erzielt werden. Sogar mehr als für die Aserbaidschaner. Das wäre dann, nun ja, eine Revanche für Düsseldorf, wie man beim Fußball so sagen würde!

Ich jedenfalls sammele heute Abend erste TV-Eindrücke von Baku – die nächsten Live-Bilder müssen dann ein knappes Jahr auf sich warten lassen.
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june 2011 by toco
Und die Juroren spinnen doch!
Wie schön, dass die EBU, die European Broadcasting Union, nun die differenzierten Resultate von Düsseldorf veröffentlicht hat. Zwar nicht Land für Land – aber im Großen und Ganzen. Und wir sehen: Italien hätte haushoch gewonnen, wäre es nur noch den Jurys gegangen – und diese hätten Russland auf dem allerletzten Finalplatz gehabt. Hinter Raphael Gualazzi wäre Aserbaidschan gesetzt worden, danach Dänemark, Slowenien, Österreich, Irland, die Ukraine, Serbien, Schweden und Deutschland. Nur den Televotern zufolge wäre es zu teilweise heftig anderen Ergebnissen gekommen: Da hätte nämlich Schweden in einem hauchzarten Rückstand von zwei Punkten hinter den siegenden Ell & Nikki sich eingefunden – gefolgt von Griechenland, der Ukraine, dem Vereinigten Königreich, Bosnien-Herzegowina, Georgien und Russland auf dem siebten Platz, dahinter Deutschland auf dem neunten, Irland dem zehnten und Italien auf dem elften Rang. Allerletzte wäre die Schweiz mit lediglich zwei Punkten geworden.

So sieht es aus, und so muss es akzeptiert werden, denn so sind die Regeln.

Aber ich bin zugleich empört. Dieses jetzt aufgedeckte Votum offenbart, welche verheerenden Wirkungen auf die Ergebnisse in all den Jahren die Jurys hatten. Italien, bei aller Liebe zum zeitgenössischen Jazz mit den Mitteln des Pop und Dreitagebart, ist doch kein Gewinner gewesen! Im Vergleich mit Aserbaidschan wäre der Act aus dem berlusconischen Beritt doch kunstreligiöses Zeug gewesen. Und auch dass die Österreicherin sehr weit vorne gelegen hätte,  muss man jetzt als ein Votum gegen das Publikum verstehen.

Würde wieder nur der Jury gefolgt, hätte man bald wieder den einst so niederschmetternden Befund: Der Eurovision Song Contest hat mit Charts und Beliebtheit und Popularität nix zu tun. Nun könnte man sagen: Aber die Jurys entscheiden doch auch nach Zuneigung. Ich würde sagen: Deren Zuspruch ist, was Magie und Charisma anbetrifft, nichtig. Die wählen nichts aus, was Zauber hat, sondern vor allem, was sie mit ihren expertistisch verbohrten Gemütern für kostbar und wertvoll halten.

Siegende von einst wie Jean-Claude Pascal, Corinne Hermès, auch Teddy Scholten oder Riva waren Juryprodukte und insofern Retortensieger. Wir brauchen aber keine Triumphe, die gegen die Liebe des Souveräns, des Zuschauers, errungen wurden. Sie sind wertlos. Es gab so viele ESC-Helden und -Heldinnen, die vermutlich nicht gewinnen konnten, weil sie den Juroren missliebig waren. Diese bevorzugten, wie man aus allen historischen Untersuchungen destillieren kann, immer Acts, die fast demütig daher kommen, nicht glamourös und mitreißend.

So heißen sie, die ich meine: Cliff Richard, Tommy Nilsson, Domenico Modugno, Carola Häggqvist mit “Främling” oder Daniel mit “Dzuli” – es gibt derer noch etliche mehr.

Der italienische Jurysieger ist famos mit dem zweiten Platz belohnt worden – wäre er noch höher gestiegen, hätte das abermals den beginnenden klinischen Tod des ESC bedeutet.

P.S.: Stella Mwangi aus Norwegen wäre, nur nach dem Televoting gerechnet, locker ins Finale gewandert. Dass sie es nicht schaffte, ja, von den Juries ihres offenbar afrikanischen Styles wegen abgelehnt wurde, spricht noch mehr gegen die musikgesinnungspolizeilich orientierten Experten.
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may 2011 by toco
Charts und Quoten
Jahrelang hieß es, der ESC bringe keine Hits hervor, sondern nur Eintagsfliegen. Sofern ich gefragt wurde, war meine Antwort immer die gleiche: abwarten! Und sich die Charts mal genauer angucken. Abba sind nach “Waterloo” monatelang als Bubblegum-Eintagsfliegen gehandelt worden. Nun, der Rest ihrer Geschichte ist bekannt.

Dieses Jahr darf vermeldet werden: Der DSDS-Sieger – Name? Egal! – ist in den deutschen Downloadcharts von ESC-Acts überflügelt worden, von Jedward. Auch die aserbaidschanischen Sieger und Blues “I Can” sind vorne platziert. Jedward liegen sogar an der Spitze der iTunes-Hitparade: Das habt ihr gut gemacht, Iren! Das deutet auf enormes Interesse hin – dass das so ist, muss mit dem aufpolierten Image des Song Contest zu tun haben. Der ESC gilt neuerdings als coole Börse zeitgenössischer Musik, an der sogar nichtwestliche Acts, wie die Sieger, eine Chance haben. Dass deren Macher und Macherinnen aus Skandinavien angeheuert wurden, muss einerlei bleiben: Sieg ist Sieg – die Tonspur weist darauf hin, dass man in Baku wahrhaftig siegen wollte.

Nebenbei: Auch die krawallige Version von “Satellite” aus dem Intro der Show vom Samstag ist inzwischen auf CD gepresst worden, herunterladen kann man sich diese Variante längst.

Soweit zu den Vorurteilen, dass der ESC keine bleibenden Sangeserfolge hinterlassen würde. Wobei es meines Erachtens nicht darauf ankommt, ob einer gut oder weniger gut abschneidet: Man muss nur eine gute Show abgeliefert haben, dann klappt es mit dem Projekt, für Nachfolgeprojekte in Frage zu kommen. Der Italiener Raphael Gualazzi jedenfalls hat in Interviews just beteuert, nächstes Jahr wieder dabei sein zu wollen, womöglich als Komponist. Dem Ruf des Eurovision Song Contest in Italien ist das nur nützlich – der zweite Platz und die Leumundserklärung des Interpreten, der den zweiten Platz so souverän nahm.

Inzwischen, um die Bilanz fortzusetzen, liegen auch einige Zahlen zu den Einschaltquoten vor. Die ARD hat längst die vorzüglichen Einschaltmengen mitgeteilt; Ungarn, Estland, das Vereinigte Königreich wie auch Schweden haben ihre Quoten erheblich steigern können. Alle Länder, die im Finale vertreten waren, weckten stärkeres Interesse als in Jahren, in denen sie nicht in der Endrunde mitmachen konnten. Russland war hingegen dabei, dort aber sanken die Quoten leicht. Krass eingebrochen ist das Interesse in Norwegen. Bereits im ersten Semifinale ausgesiebt, schauten nur knapp eine Million Menschen zu – eine glatte Hälftelung des Interesses.

Gibt es womöglich eine Lösung, wie man in Ländern, die nicht am Finalsamstag performen, das Interesse am Leben hält?

P.S.: Jetzt habe ich doch noch zum ESC selbst ein Haar in der Suppe gefunden. Ich finde, die Postcards, also die Filmchen zwischen den Acts, die komponiert werden, damit auf der Bühne die neue Kulisse für das nächste Lied installiert werden, hätte nicht so häufig Städte wie Berlin, Dresden, Köln, München oder Hamburg zeigen sollen. Falls das Ding mal wieder in Deutschland ausgetragen werden sollte: 43 Länder heißt 43 Postcards aus verschiedenen Regionen unseres Landes.
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may 2011 by toco
Rückblicke und Ausblicke
Ehe wir auf die übelnehmerischen Aspekte des diesjährigen ESC zu sprechen kommen, ein paar Sätze, für die ich um Beachtung bitte.

Die Arena in Düsseldorf wird momentan immer noch abgerüstet – die Kollegen und Kolleginnen der unterschiedlichen Produktionsfirmen tun das. Vor allem aber sind es die Frauen und Männer des NDR, die hinter den Kulissen das gemacht haben, was medialerweise in Europa als TV-Show des Jahres gelobt wird. Einer wie Thomas Kutsche, der bei diesem Sender seit vielen Jahren mit dem ESC beschäftigt ist, antwortete mir auf die Frage, ob er mir die zehn umsichtigsten seiner Kollegen nennen könne, freundlich: Niemand sei herauszuheben – alle tun das, was sie zu tun haben. Und hatten!

Ich selbst kenne das von kleineren Produktionen aus dem Zeitungsgewerbe, in der taz, wo ich gewöhnlich arbeite: Man sieht auf Podien journalistische Menschen, aber jene, die in technischer und gastgeberischer Hinsicht deren Auftritte ermöglicht haben, werden am Ende meist nicht erwähnt. Immerhin: Beim Abspann der Sendung in der Nacht zum Sonntag tauchten, so mein Eindruck, fast alle Namen auf. Das war womöglich die beste Gratulation. Dass gerade die ausländischen Gäste mit guten Gefühlen in ihre Heimaten zurückkehrten, hat womöglich am meisten mit den Machern und Macherinnen im Hintergrund zu tun. Musste das nicht mal besonders erwähnt werden?

Jetzt zu den unangenehmen Aspekten.

Gestern und heute erhielt ich Anrufe – genauer gesagt: aus drei Zeitungs- und TV-Redaktionen, die herausfinden wollten, warum ich Ungarns Ehre beschmutzt hatte (so sagten es zwei Anrufende), einer wollte von mir wissen, von wem ich die Information hatte, dass Kati Wolf eine Sängerin von Viktor Orbans Gnaden sei. Meine Rückfrage: Glaube er im Ernst, ich würde ihm gegenüber meine Quellen offenlegen? Zum Hintergrund: Die Mediengesetze in Ungarn sind von der rechtspopulistischen Regierung so verschärft worden, dass alles unter Verdacht gestellt werden kann, nicht pro-ungarisch zu sein. Wer sich an dieses Gebot nicht hält, muss in diesem Land selbst mit unflätigen Beschimpfungen und sogar mit Strafverfahren rechnen. In diesem Land muss man sehr enttäuscht gewesen sein, dass die von Fans hochgelobte Chanteuse so wenige Punkte erhielt. Ich würde sagen: Der Stil, Kritiker des Liedes – der ungarischen Performance überhaupt – fast zu verhören, spricht für die dortige Kultur des Misstrauens gegen alle Opposition.

Aber wollen Sie, Fans und Interessierte, das überhaupt hören? Ist es außer für mich für irgendjemanden wichtig, dass Weißrussland schon deshalb ein seltsames Land ist, weil es autokratisch regiert wird – und die ESC-Dame zu einer Propagandaschluse in Sachen Lukaschenka gemacht wurde? Ich würde sagen: Das sollte uns beschäftigen. Es ist problematisch, ein Land ohne inneren Zwiespalt zu betrachten, wenn es ein mindestens schillerndes Verhältnis zu Rechtsstaat und Menschenrechten hat. Das gilt erst recht für Aserbaidschan – die nächsten Gastgeber des ESC, das es in puncto Demokratie selbst mit Ungarn nicht aufnehmen kann.

In Vorbereitung auf dieses Event sollten wir sehr präzise prüfen und verfolgen was dort geschieht, damit auch vom freiheitlichen Klima her am Kaspischen Meer ein ähnlich schöner ESC zelebriert werden kann wie in Düsseldorf.

Man könnte jetzt sagen: Durch die Fans und Journalisten, die Gäste aus den traditionell demokratischen Ländern, werde das illiberale Klima aufgeweicht. Dieser Auffassung neige ich selbst zu.
Immerhin: 1964 protestierten beim ESC in Dänemark Gewerkschafter gegen die Auftritte der Portugiesen und Spanier, damals noch regiert von rechtsgerichteten Diktaturen. Man sollte an diese Geste erinnern. Man könnte sagen, der Tourismus, gerade in Spanien, hat das Land verändert ehe es demokratisch wurde. In diesem Sinne schlage ich vor, Aserbaidschan zu nehmen: Auch als freundlichen Besuch, auf dass der ESC eine Idee von Diversität dort hineinträgt. Und: Auf dass die armenische Delegation sich dort frei bewegen kann.

Oder?
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may 2011 by toco
Freundliche Resonanz, sehr sogar!
1. Das erste Lob verdienen immer die Sieger. Aserbaidschan hat so viel Geld, dass es sich unbedingt einen Sieg ermöglichen wollte. Ell / Nikki waren die Interpreten, die wahr machten, was eigentlich Safura schon in Oslo gelingen sollte: einen ESC-Sieg. Ein skandinavisches Komponisten & Texter-Trio plus Bühnenshowhilfe aus Nordeuropa – das klappte nun. Glückwunsch.

2. Erstmals seit etlichen Jahren waren Österreich, Schweiz und Deutschland gemeinsam im Finale. Schön, dass Nadine Beiler die zwölf Punkte von Ina Müller zuerkannt bekam, Lena aus Wien derer zehn erhielt. Das nenne ich, ehe wir wieder über osteuropäische Verschwörungstheorien zu labern beginnen, Nachbarschaft der freundlichen Sorte.

3. Anke Engelke ist nun ein europäischer Schwarm. Das ist nur gerecht. Ihre Dreisprachigkeit überwölbt nun selig die Moderation von Marlène Charell, die 1983 aber nix dafür konnte, es waren einfach andere Zeiten. Deutschland, in seiner Präsentation zumindest, ist so modern wie andere Länder eben auch.

4. Die mediale Resonanz fällt gut bis sehr gut aus. Die meisten Zeitungen haben gute Reporter auf das Thema und das Ereignis angesetzt. Dass manche immer noch den Klischees aufsitzen und von Schlagern sprachen, möchte ich verzeihlich nennen. Mancher Zeitgeist kommt in manchen Redaktionen eben erst spät an.

5. Das Intro durch Stefan Raab war heftig und gut. Lena war überraschend auch dort auf der Bühne.

6. Der ESC ist, zum Medialen nochmals zurückgekommen, nun nachrichtenfähig geworden. Das ist nur gerecht, denn Börse, Bundesliga & anderer Sport sind es ja auch. Schön, dass die aserbaidschanischen Sieger im Fokus der Berichte standen, nicht allein Lena. Mir gefiel, dass die Beiträge von Journalismus lebten, nicht nur von der eigenen Hingerissenheit in Sachen Glitter & Flitter.

7. Düsseldorf ist eine gute ESC-Stadt gewesen und könnte es wieder sein.

8. Schätzungsweise war es eine gute Entscheidung, die guten alten Grand-Prix-Zeiten nicht in Form von Ehrengästen einzuladen. Ich finde, Legenden wie Katja Ebstein (“Alles nur noch Geschäftemacherei”) könnte man mehr ehren, würden sie sich selbst historisieren. Schade, aber das kommt bestimmt noch.

9. Wer heute in den Medien schrieb, auf der Siegespressekonferenz in der Nacht auf Sonntag sei nichts Politisches erörtert worden, muss im Koma gelegen haben oder aus lauter Aversion bewusst Falsches geschrieben haben. Die Frage, ob Baku auch seine ESC-Gäste, auch die schwulen, willkommen heißen werde, wurde von aserbaidschanischen Delegierten wie auch von Ell / Nikki sehr bejaht.

10. Nach der Saison ist vor der Saison, das ist beim ESC wie beim Fußball so. Freuen wir uns auf Baku. Die Schweiz hat bereits ihre Teilnahme dortselbst bestätigt. Noble Eidgenossen!

P.S.: Wie es Lena geht? Darf es ihr gut gehen? Muss man sich Sorgen machen? In Kürze mehr!
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may 2011 by toco
Dana International gestrauchelt
Zu den Zahlen, in aller Kühle sollen sie hier genannt werden: Von 25 Ländern im Finale stammen 15 aus dem Bereich des klassischen ESC, zehn aus dem einstigen Ostblock. Fünf von diesen Ländern sind als Big Five ohnehin gesetzt gewesen. Das heißt: Durch die Halbfinals kam jeweils die Hälfte aus beiden Blöcken. Soviel zum Klischee, dass Osteuropa alles dominiere.

Jetzt zur wichtigsten Tragödie: Dana International aus Israel konnte nicht über den Eindruck hinwegtäuschen, dass “Diva” ein wesentlich besseres Lied war. “Ding Dong” ist nicht im Finale, nun muss Dana nach Tel Aviv zurückfliegen. Ich finde das bedauerlich!

Schweden, die Ukraine, Slowenien, Dänemark, Irland, Bosnien-Herzegowina, Moldau, Estland, Rumänien und Österreich haben es geschafft. Für die seit der ersten Probe immer besser in Form gekommene Dame aus dem Exhabsburgischen war das gewiss ein Triumph – und ich war sehr zufrieden mit ihr. Toll, dass Estland, Dänemark und die enthemmten Iren Gnade fanden, Rumänien geht auch in Ordnung.

Schade, dass die Letten, die Bulgarin und die Zyprioten ausgeschieden sind. Andererseits war das zu erwarten. Gut, um nicht zu sagen, gerecht fand ich, dass Weißrussland mit einer Hymne, die klingt als würde ein stalinistischer Parteitag mit musikalischer Gräuelpropaganda eröffnet, nach Minsk zurück muss – und zwar sofort.

Ich würde sagen: Da kommt ein erheblich spannendes Finale am Samstag auf uns zu, und die Schweden, insbesondere der nicht gerade erfolgsverwöhnte Komponist Fredrik Kempe, dürften froh sein, dass das Publikum eine eher blutleere Nummer, vorgetragen mit Gymnastik und Stimmchen, sympathisierend in die Endrunde schickte. Schweden hat sich somit ein wenig vom Trauma des Vorjahres erholt, als man bereits im Semi ausscheiden musste.

Das zweite Halbfinale war dennoch schwächer als das erste: Meine Favoriten bleiben Finnland, die Schweiz - und hinzu kommen nun Dänemark, Bosnien- Herzegowina und das Frollein Nadine aus Tirol.
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may 2011 by toco
Daumen drücken für Nadine?
Wir sitzen im Kreis von Freunden und rätseln: Wie konnten wir nur noch vor wenigen Tagen denken, dass das zweite Halbfinale besser besetzt sei als das erste? Einer sagt, uns alle wiederholend: Es ist ein guter Jahrgang überhaupt – und Anke Engelke wird die neue Lill Lindfors. Eine Kultmoderation? Schätzungsweise ja.

Jetzt zu den Prognosen. Ginge es nach mir persönlich, hätte ich gern im Finale: Bosnien, Österreich, Niederlande, Belgien, Israel, Dänemark, Irland, Zypern, Lettland und zur Not auch noch Schweden.

In den Einzelheiten:

1. Bosnien. Feiner, wiederkennbarer Auftakt – Supermusiker. Finalwürdig in jeder Hinsicht.

2. Österreich. Die gute Nadine aus Tirol trägt eine Pulp-Fiction-Frisur, und das passt gut zu ihrer selbstbewussten inneren Verfassung. Prima Stimme, außerdem ist sie Sissi-Fan. Daumen drücken!

3. Niederlande. Gute U2-Traditionen, wiederbelebt durch die Menschen aus unserem Nachbarland. Leider hat so ein Stil keine gute Spiegelung beim ESC. So werden sie es schwer haben.

4. Belgien. Manhattan Transfer zu sechst aus Flamen und Wallonien. Exzellente Performance ohne jede instrumentelle Begleitung. Außenseiterchancen!

5. Slowakei. Die weiblichen Zwillinge, die aussehen wie die Sängerinnen von “Wind”. Irgendwie poppig – obwohl gegen sie spricht, dass sie den Kontakt mit den Jedwards meiden. Miniaussichten fürs Finale.

6. Ukraine. Man wüsste gern, was diese Dame so engelhaft vor sich hinsingt – ohne Klimax, bar allen Zaubers. Entsetzlich!

7. Moldau trägt die allerschönsten Hüte der ESC-Geschichte – irgendwie Ku-Klux-Klan-mäßig, aber mit Humor und viel Lärm um vermutlich wenig. Sichere Finalisten, wahrscheinlich.

8. Schweden. Wo ein Komponist wie Fredrik Kempe verantwortlich zeichnet, geht alles schief. Ein gefallsüchtiges Stück Angeberpop Stockholmer Provenienz – und singen kann er auch nur grottig.

9. Zypern. Kunstdarstellung aus Nikosia, sehr elegisch gehalten, weitschweifig. “La Fura dels Baus” auf ESC-Art – sehr gelungen.

10. Bulgarien. Die Poli hat es raus, wie man rockig singt, als wär sie eine Anastacia aus den Vorstädten Sofias. Beeindruckend.

11. Mazedonien lässt einen verrätselt zurück. Warum ist bloß alles so furchtbar aufdringlich, was der Herr aus Skopje singt? Eines Finales nicht angemessen.

12. Israel. Dana International trug bei den Proben einen Fummel in Hebräisch-Alge, und zwar nach dem Vorbild der selbigen aus dem Toten Meer. Ganz kluger Aufbau, schöne Darstellung, sie ist schöner denn je. Sie muss in die Endrunde!

13. Slowenien. Dramatisches Getue einer jungen Frau, die in Slowenien mit ihrer Stimme imponieren mag – europäisch gesehen aber überhört wird, weil sie dann doch keine zweite Darja Svajger ist. Lahmes Ding!

14. Rumänien. Jungs, die auf zeittypische Weise etwas Liedermacherhaftes ausstrahlen. Zugleich haben sie die Ausstrahlung von Hotelpagen. Reicht das denn? Doch, doch. Gut für die Endrunde, das rundet das Finale fein ab.

15. Estland. Ihre Stimme ist brüchig, sie verliert unfreiwillig oft den Ton – aber sie ist einfach gut, sie verdient unsere Liebe, denn sie ist ein Popsternchen, das keine Entmutigung braucht.

16. Weißrussland. Eigentlich soll man mit diesem Lied Lukaschenka gut finden – und Weißrussland, wie der Titel sagt, auch. Warum nicht? “Eviva Espana” war ja in Europa auch ein Hit, als Spanien noch eine rechte Diktatur war. Die Sängerin hat eine enervierende Stimme – gut lediglich für Kasatschok-Vokalisen.

17. Lettland. Jungs aus Riga, die etwas schwammig und halbbärtig aussehen – und ihr Lied ist auch keine Wucht. Schade für das Land, das uns Marie N geschenkt hat.

18. Dänemark. Halbstruppige Jungs, die im Stile von Katrina & The Waves ihr Bestes probieren. Mitsummbares Lied, das nach dem ESC zum zweitwichtigsten Weltverbesserungsding des Jahres avancieren kann – nach “Da da dam”.

19. Irland. Sie sind gut, die Jedwards. Sie geben alles. Sie sind würdige Vertreter ihres Landes – sie haben die Courage, auf der Bühne wirklich, wirklich und ernsthaft alles zu geben.

Und wer kommt weiter, unabhängig von meinem Geschmack? Also: Bosnien, Österreich, Ukraine, Irland, Dänemark, Israel, Schweden, Weißrussland, die Slowakei und Estland. Wer hält dagegen?
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may 2011 by toco
Ein wissenschaftliches Feld?
Was von Interesse ist, zieht früher oder später das Interesse der Wissenschaften nach sich. Seltsam nur: Der Eurovision Song Contest ist ein Themenfeld, das bislang von akademischer Seite weitgehend vernachlässigt wurde. Im Konkreten verhält es sich so: Will man zu diesem Thema recherchieren, beispielsweise in den Archiven öffentlich-rechtlicher Sender wie dem Hessischen Rundfunk oder der European Broadcasting Union in Genf, ist es nicht so, dass die Anfragen unfreundlich ignoriert werden. Nein, das nicht, gleichwohl sind diese historischen Bestände in Sachen populärer Unterhaltungskultur meist erschütternd leer.

Das ist typisch insofern, als das in den gleichen Archiven von den Rundfunkhäusern hochkulturell Produziertes bis in die allerletzten Verästelungen erforschbar ist. Aber der ganze Schmutz namens Pop oder Schlager? Ungepflegt die Bestände, die in keinem Verhältnis stehen zu den Leistungen, die Sender und Redaktionen erbracht haben.

So ist das auch beim ESC, der doch eigentlich wissenschaftlich, so meine These, als das wichtige kulturelle Nachkriegsprojekt des übernationalen Brückenbaus begriffen werden könnte, und zwar mit der ersten Sendung aus Lugano, die ja Lys Assia siegreich verließ. Die Geschichtswissenschaft entwickelt auch im deutschsprachigen Raum mehr und mehr einen Trend zur Perspektive einer europäischen Historie – der ESC sollte, was die kulturelle Dimension anbetrifft, natürlich mit in den Fokus gestellt werden.

Und jetzt zum aktuellen Anlass: Ein kleines Netz von Wissenschaftlern aus etlichen Ländern Europas arbeitet seit Jahren eng zusammen, dank des Internets geht da ja heute flott und smart. Auf einer Tagung im Rahmen des ESC in Helsinki 2007 war ich an der dortigen Universität selbst beteiligt. In Düsseldorf trifft sich diese Community in der hiesigen Universität, Titel: “The Eurovision Song Contest as a Television Event”. Die Überschrift klingt zwar ein wenig trivial – als ob jemand bestritte, dass der ESC ein TV-Event ist. Aber offenbar wollen die Veranstalter die Ansprüche nicht allzu sehr befrachten: Besser, man backt erstmal nicht so große Brötchen. Um 9.30 Uhr beginnt die Konferenz und sie endet um 14 Uhr, so dass die Teilnehmenden noch pünktlich zur letzten Generalprobe des zweiten Halbfinales gelangen.

Als Inspiratoren sind der Hannoveraner Musikwissenschaftler Irving Wolther und die irisch-amerikanische Sozialwissenschaftlerin Karen Fricker involviert – für sie kann ich mich verbürgen. Sie wissen hoffentlich mehr zum Thema zu sagen als Zahlenhaftes. Also: In den Statistiken der Punkte und Tabellen eine Wahrheit zu finden, die es nicht geben kann, weil die Votings fast immer unterschiedlich organisiert – und sowieso wohl nicht frei von Korruptionsgschichten waren.

Ein wissenschaftliches Thema läge mir auf alle Fälle auf der Seele: Warum alle Welt glaubte, die Google-Prognose zum ESC könne ungefähr zutreffen. Die Litauerin, der Finne, die Isländer, die Schweizerin - sie alle wurden als sichere Halbfinalverlierer prognostiziert und waren es doch nicht. Die Überschrift für dieses Forschungsfeld also lautete: “Das religiöse Moment der suggestiven Kraft der Einbildung im Angesicht der eigenen Fan-Vorlieben”. Dann käme man auch auf die Idee, die guten Vorhersagen für den Schweden oder den Franzosen als das zu nehmen, was sie sind: Hokuspokus. Alles antiwissenschaftlich! Viel Vergnügen an der Universität also!
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may 2011 by toco
Sensationen noch und noch!
Das ist schon mal die erste wirklich spektakuläre Nachricht zum Halbfinale: Die Türkei hat sich nicht für das Finale qualifiziert. Erstmals seit 1994 ist dieses legendäre ESC-Land nicht in der Endrunde dabei – und seit Halbfinalzeiten war es quasi wie auf Autopilot ziemlich weit oben platziert. Auch, dass Norwegen nicht weiter gekommen ist, ist eine Sensation: Offenbar goutierte das überwiegend osteuropäische Publikum die weltmusikalischen Klänge von Stella Mwangi nicht. Dass Griechenland es schaffte, darf man für überraschend halten – aber Freundinnen von mir schickten SMS, er sähe ja auch wirklich delikat aus. Nun, das mag den Ausschlag gegeben haben. Dass Emmy aus Armenien auf der Strecke blieb mit ihrem “Boom Boom” verblüfft heftig: Das ist doch der Partyhit hier in Düsseldorf schlechthin – statt ihrer ist nun das eher mäßig gewettete Georgien weiter mit einer Hardrocknummer, die im Übrigen nicht so gut wie die der Türkei war.

 
Persönlich darf ich es schade finden, Portugal nicht am Samstag dabei zu wissen. Aber womöglich sah zu steif und politbemüht aus, was sie auf der Bühne trieben.
 
Dass Malta, Kroatien, San Marino, Albanien und Polen weniger Gunst als die Qualifizierten fanden, wunderte eher nicht – sie wirkten allesamt blass und effekthascherisch. Senit aus dem kleinsten ESC-Land mag mit ihrem Lied Erfolg haben, doch wohl nicht in einem harten Wettbewerb.
 
Nun zu den erfreulichen Neuigkeiten: Island hat es geschafft! Und die Schweiz! Und Finnland! Ich bin persönlich erleichtert. Gerade die altmodisch scheinenden Isländer scheinen mit ihrer warmherzigen Show Anklang gefunden zu haben. Und Anna Rossinelli, was soll man sagen: klasse Vorstellung, die sich vornehm von den eher erhitzten Nummern von ihren Kolleginnen abhob. Axel Ehnström, also Paradise Oskar, ist der James Blunt des ESC – er wird es noch weit bringen. Gut, dass er es geschafft hat, die männliche Nicole!
 
Über Aserbaidschan muss man keine besonderen Worte verlieren. Sie hatten eine klare, schöne Bühnendarstellung hingelegt; das sah elegant und warm aus. Litauen aber, hier unter Düsseldorfer Journalisten eher zu den absoluten Loserinnen gezählt, ist dabei – obwohl sie obendrein in den Wetten immer weit hinten lag und ja noch liegt.
Ungarn? Klare Sache. Toller Auftritt von Kati Wolf, schräge Frisur, stimmlich sehr dünn am Ende – aber sie ist die Birthe Kjaer dieser Saison. Kompliment! Russland? Naja. Wer auf Fönfrisuren steht … Die Nation, erzählte mir ein Kollege, bebt gerade vor Freude.

Kurz: Unter den zehn Qualifizierten entstammen vier Länder glasklar dem klassischen Eurovision-Song-Contest-Gebiet; fünf dem alten Ostblock – und Serbien liegt ja irgendwie dazwischen und ist eigentlich, wegen jugoslawischer Herkünfte ja auch ein ESC-Klassiker.

Ich bin stark überrascht, der Türkei wegen entsetzt – und freue mich riesig über die Schweiz, Finnland und Island. Was meinen Sie?

Die Show hatte, nebenbei bemerkt, keinen so starken Glamour – das mag daran liegen, dass ein Halbfinale nicht das Finale ist. Anke Engelke ist eine super Moderatorin, Raab doch auch – und Judith Rakers der Engelke ebenbürtig. Ich finde, das Gemecker über das Trio muss jetzt aufhören.

Es wird ein krasses zweites Halbfinale – und ein Finale sondergleichen. Dass es ein starkes ESC-Jahr ist, sagt man ohnehin bei dieser Gelegenheit. Aber ist es nicht wirklich so?
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may 2011 by toco
Ein fettes Lob den Red Angels
Manche Journalisten laufen ja mit einem beruflichen Selbstverständnis durchs Leben, nachdem es ihre Aufgabe sei, irgendein Haar in der Suppe zu finden, am besten gleich derer zwei oder drei. Am liebsten enthüllten sie, sind aber, drastisch formuliert, selbst oft Feiglinge, die die größte Angst vor der persönlichen Wahrheit in eigener Sache haben – und deshalb am liebsten anderen nachstellen möchten. Ich bevorzuge diese Methode nicht, und deshalb sei es mir nachgesehen, dass ich schon wieder ein Lob ausbringen möchte. Und zwar das größte, das es eigentlich gibt.

Ich will also von den sogenannten Volunteers sprechen, den Helfern und Helferinnen hier beim ESC. Sie heißen Kai, Steffi, André, Stefan, Ceren, Can oder Rolf – oder wie auch immer Eltern ihre Kinder mal mit Namen ins Leben hievten. Sie sind zwischen 20 und 60 Jahre alt, 550 sind es insgesamt – und sie sind für alle Funktionäre, Journalisten und Fans auf Anhieb zu erkennen, denn sie tragen rote T-Shirts, rote Sportjacken – und sie zeichnen sich alle durch hohe Kompetenz in der Sache und durch noch größeres Vermögen im emotionalen und sozialen Bereich aus.

Sie bekommen für ihre mehrwöchigen Engagements nicht einmal Herberge oder die Reisekosten, nur Nahrung – und weil sie alle so fleißig und wahrscheinlich bald legendär sind als Team, werden sie nun die Halbfinals auch in der Halle sehen können, mit Freitickets.

Was machen sie eigentlich? Sie füllen Pressefächer und füllen sie mit Material; sie verteilen Äpfel gegen etwaigen Heißhunger, sie führen Delegationen durch die Stadt, sie sprechen mehrere Sprachen und helfen allen Gästen, sich in Düsseldorf behaglich und irgendwie wie zuhause zu fühlen. Sie tun das mit Leidenschaft. Sie sind eine Mannschaft, sie sind multikulturell gestrickt, sie leben innerlich wohl davon, dass sie “the time of my life” haben wollen, und alle diktieren mir in den Block, der hier zum Blog wird, dass das wirklich die beste Zeit ihres Lebens sei.

Sie haben, so phantasiere ich, diese geile Zeit deshalb, weil es ihnen gemeinsam Vergnügen macht, 10.000 Gästen eine gute Zeit bereitet zu haben. Insofern muss man diesen ESC auch als PfadfinderInnenlager begreifen: Jeden Tag nicht eine gute Tat, sondern tägliches Arbeiten als gute Tat selbst.

In anderen ESC-Jahren hat es auch Volunteertrupps gegeben, aber ich erinnere mich nicht, wann ich diese Teams in so aufgeräumter, ja auch etwas aufgeputschter Laune erlebt habe. Dass Düsseldorf hinter den Kulissen so cool und relaxed wirkt, liegt also an diesen. Wenn nach diesem ESC dereinst die Rede sein wird vom Event der ziemlich entspannten Art, hat das auch viel, sehr viel mit diesen Roten Engeln, den Red Angels zu tun. Ich finde, soviel Lob durfte mal sein!
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may 2011 by toco
Ein Hoch auf die Fanbeauftragte
Wie das Bild ausweist, hat sie selbst divenhafte Züge, aber diese mit menschlichem Antlitz. Nicole Borchert, 41, ist nahbar, sie will keine Göttin sein, nicht einmal eine Viertelgöttin – und genau deshalb wird sie hier in Düsseldorf als eine solche verehrt. Und zwar von den Fans. Von Männern und (wenigen) Frauen. Sie erklärt selbst: “Der NDR will drei Fernsehshows machen, dem Sender muss die Idee der Fans zunächst einerlei sein. Aber die Fans sind das A und O des Grand Prix – um die muss man sich auch kümmern.”

Sie sagt immer noch Grand Prix, diese Hamburgerin, die man, so sagt sie, “wecken und auffordern kann, Schlager zu singen”. Die Kollegin, Abiturientin des Bergedorfer Luisengymnasiums, nachdem sie auf dem katholischen Mädchengymnasium in Hamburg zur Schule ging, bekam vom ESC-Team des NDR die Anfrage: Ob sie wohl die Fanmanagerin in Düsseldorf sein möge? Nicole, die die meisten Jahre ihrer Laufbahn Autorin beim NDR war, die nachgerade jede und jeden aus der Showbranche kennt, sagte herzlich zu.

In Düsseldorf ist sie, so gesehen, die beste Freundin aller Fans. An sie wendet man sich, gibt es Probleme mit den Postfächern, mit den Tageskarten für den Euroclub, mit allen anderen Fragen auch. Sie wirkt ausgesprochen mondän, ist gleichzeitig das Gegenteil von entrückt. Doch zugleich, das ist die Pointe, ist sie von absolut kumpelig-einfühlsamer Art. Eine Kontakterin von Gnaden, eine exzellente Kommunikatorin. Wer ihr nicht zu Füßen liegt, äußert sie einem gegenüber einen Wunsch, muss aus Stein sein.

Es wird, am Ende der Tage von Düsseldorf, ihr mit zu danken sein, dass sich für Fans (und Journalisten, die Fans sind) diese Zeit am Rhein einfach perfekt anfühlt. Insofern musste das hier gebloggt werden: Die Kunst eines guten Lebens ist nämlich, das Schöne und Gelingende zu betonen, nicht sich in Mäkelei zu üben. Nicole Borchert ist, so gesehen, eine Amazone des guten Einvernehmens. Mit ihr zusammen kommt alle Welt zum Einvernehmen. Für Frauen hat es immer etwas zwiespältiges, sagt man über sie, man könne mit ihnen Pferde stehlen. Das hat immer so etwas Sachliches: Was ist denn dann, wenn die Pferde gestohlen sind?

Ich will sagen: Man darf sich in sie verlieben. Es lohnt sich!
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may 2011 by toco
Studiengebühren-Boykott: Bezahlt wird nicht - UniSPIEGEL
Den Kampf gegen die Campusmaut haben die Studenten in vielen Bundesländern verloren. Oder doch nicht? Mit einem Zahlstreik wollen Asten das Inkasso noch stoppen. Allerdings: Bevor die Boykottwelle richtig anrollt, schrumpelt schon der Widerstand.
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december 2006 by toco

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