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Interview: Hillary Clinton entschuldigt sich bei Merkel für Abhörung - SPIEGEL ONLINE
SPIEGEL: Secretary Clinton, Sie sind seit über drei Jahrzehnten in der Politik. Die Politikverdrossenheit hat in dieser Zeit deutlich zugenommen. Sind die Erwartungen an die Politik unrealistisch geworden?

Hillary Clinton: Ich denke viel über diese Frage nach, weil wir einer einzigen Person in unserem politischen System eine enorme Bedeutung beimessen. Bei uns haben wir nicht einen Staatschef sowie einen Regierungschef, sondern eine einzige Person: den Präsidenten. Er ist zugleich Symbol des Landes und muss die Regierungsgeschäfte führen. Deshalb ist es für jeden schwer, in diesem System zu gewinnen. Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Menschen von unserem politischen System enttäuscht sind und sich abgewendet haben, oder es für ideologische Zwecke zu nutzen versuchen. Deshalb dürfen wir nicht alles auf eine Person setzen, sondern müssen auf einen größeren Konsens hinarbeiten.

Zur Person
AFP
Hillary Rodham Clinton, geboren 1947, ist eine der führenden amerikanischen Politikerinnen. Von 2009 bis 2013 war sie Außenministerin der USA. Ihre Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen im im Jahr 2016 wird erwartet. In Berlin stellte Clinton ihr Buch "Entscheidungen" (im Original: "Hard Choices") vor. Verheiratet ist sie mit dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton.
SPIEGEL: Die amerikanische Gesellschaft klafft auseinander wie nie zuvor. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat einen Bestseller über das "Kapital im 21. Jahrhundert" geschrieben, der derzeit für Furore sorgt. Haben Sie das Buch gelesen?

Clinton: Nein, aber einige Rezensionen und Essays darüber. Er zeigt auf, dass unsere Wirtschaft aus dem Gleichgewicht geraten ist und sich zugunsten des Kapitals und weg von der Arbeit entwickelt. Ich teile seine Sorgen, dass wir die Bedeutung von Arbeit entwertet haben. Er spricht über Europa, aber das ist in den USA nicht anders.

SPIEGEL: Piketty argumentiert, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich gefährde die Demokratie.

Clinton: Dem stimme ich zu. Dieses große Experiment Amerika mit all seinen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen wurde durch eine Demokratie zusammengehalten, die alle Menschen umfasste. Selbst während der Großen Depression haben die Menschen auf den Straßen daran geglaubt, dass sie es schaffen können und es ihnen besser gehen kann. Heute ist der relative Wohlstand viel höher, aber die soziale Ungleichheit lässt die Leute glauben, dass sie festgefahren sind. Sie glauben nicht mehr, dass sie es schaffen können, egal, wie hart sie arbeiten. Die Menschen haben den Glauben an sich und das politische System verloren. Das ist sehr gefährlich für die Demokratie.

SPIEGEL: Das jährliche Durchschnittseinkommen eines amerikanischen Haushalts liegt bei 22.296 Dollar. Sie verdienen pro Rede in einer Stunde bis zu 200.000 Dollar. Können Sie verstehen, dass Menschen das stört?

Clinton: Natürlich verstehe ich das. Aber die amerikanische Krux war nie, dass es manche Menschen besser als andere geschafft haben. Das wird akzeptiert. Das Problem ist, dass die Mittelklasse nicht mehr das Gefühl hat, dass sie den Aufstieg schaffen kann. Die Frage ist, wie wir wieder zu einer Wirtschaft kommen, in der alle Menschen das Gefühl haben, sie können erfolgreich sein.

SPIEGEL-Redakteure Stark, Hujer, Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton Zur Großansicht
Dietmar Gust/ DER SPIEGEL

SPIEGEL-Redakteure Stark, Hujer, Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton
Hillary Clinton über die Finanzen ihrer Familie: "Wir waren total überschuldet"

SPIEGEL: Gegenwärtig stehen Sie wegen Ihres Vermögens in Amerika in der Kritik. So, wie Sie Amerika beschreiben, müssten Sie für Ihren Reichtum eigentlich gefeiert werden.

Clinton: Schauen Sie mal, was in den letzten acht bis zehn Monaten passiert ist, dann werden Sie sehen, dass sich Leute an allem Möglichen festbeißen, was mich betrifft. Ich akzeptiere das. Es gehört schließlich dazu, wenn man ein potenzieller Präsidentschaftskandidat ist, selbst wenn ich mich noch nicht entschieden habe, ob ich wirklich antreten werde.

SPIEGEL: Sie haben neulich gestanden, dass Sie am Ende der Präsidentschaft Ihres Mannes Bill Clinton "total pleite" waren.

Clinton: Wir waren wegen all der Anwaltskosten völlig überschuldet, weil wir lange Zeit so heftig angefeindet wurden. Mein Mann musste unglaublich hart dafür arbeiten, jeden einizgen Penny, den wir damals schuldeten, zurückzuzahlen. Und das haben wir getan.

SPIEGEL: Heute sind Sie Multimillionäre. Ihr Mann hat seit 2001 mit Reden insgesamt 104 Millionen Dollar verdient.

Clinton: Wir sind dankbar dafür, wo wir heute sind. Aber wenn Sie zurückblicken, wie viel Geld wir damals besessen haben, sehen Sie, dass wir noch nicht einmal eine Hypothek auf unser Haus bekamen. In unserem System ist es besonders schwer, seine Schulden abzubezahlen, weil man das Doppelte verdienen muss, um nicht nur die Schulden abzubauen, sondern auch das Haus und die Ausbildung unserer Tochter bezahlen zu können.
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july 2014 by snearch

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