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Scheintod im Denken: Von Philosophie und Wissenschaft als Übung (edition unseld): Amazon.de: Peter Sloterdijk: Bücher
Du mußt dein Leben ändern rief Peter Sloterdijk im vergangenen Jahr seinen Lesern zu. In dieser monumentalen Darstellung zeichnet der Philosoph ein Bild des Menschen als ein seit der Antike stets nach Perfektion strebendes Wesen. Der Mensch als ein übendes Wesen, welches eine "Konversion zum Können" (in: Du mußt dein Leben ändern, S. 306) anstrebe, stellt für Sloterdijk eine Grundkonstante menschlichen Daseins dar. In seinem neuen Buch "Scheintod im Denken - Von Philosophie und Wissenschaft als Übung" vertieft und erweitert er das Konzept der Übung und dessen Bedeutung für uns Menschen.

Zuerst scheint es so, als stelle "Scheintod im Denken" lediglich eine kurze Zusammenfassung der in "Du musst dein Leben ändern" aufgestellten Thesen dar, zuallererst dem Konzept der Übung: "Üben ist die älteste und folgenreichste Form der selbstbezüglichen Praxis [...]. Das Ergebnis von Übung zeigt sich in der aktuellen 'Kondition', das heißt in der Könnensverfassung des Übenden" (16f.). Jedoch geht Sloterdijk nun noch einen Schritt weiter und beschreibt die seiner Ansicht nach anzustrebende Lebensform eines übenden Menschen. Diese bestehe in einer Art Abstandnehmen vom Leben, für die er den von Husserl geprägten Begriff der epoché verwendet (vgl. S. 37). Damit ist jedoch kein einsam geführtes lebensfeindliches Eremitendasein gemeint. Vielmehr bedeutet es, dem aktuellen Geschehen mit einer auf Distanz bedachten Haltung der sanften Ironie zu folgen: "Die epoché entspricht hier der Einstellung des Kunden, der über den Markt spaziert, ohne zu kaufen" (38). Das bedeutet nicht jeden Quatsch mitzumachen, neue Trends bewusst abzulehnen, sich auch mal die Frage nach dem Sinn und Zweck von Neuerungen zu stellen. I-Pod, Auto, Wohnung, Beförderung - brauch ich das alles eigentlich in neuer, größer, schneller, teurer oder ist es nicht vielleicht doch so, dass die Kollateralschäden der Segnungen der Moderne deren angepriesenen Nutzen um ein vielfaches überschreiten? Der epochéfähige Mensch ist auch ein zur Entschleunigung fähige Mensch.

Es bleibt die Frage, wie man als Mensch zur epoché-Fähigkeit gelangen kann. Die im besten Sinne konservative Antwort Sloterdijks lautet: Lesen, lesen, lesen: "Der alteuropäische Zugang zur Erfahrungswelt hingegen ist durch grammatische Dressuren vorgeformt, ja, der Weltstoff selbst wird in den Schriftkulturen nach Buchstabe, Silbe, Zeile, Seite, Absatz und Kapitel formuliert mit dem Effekt, daß wir als Leser, die in Büchern wie in Situationen blättern, und Situationen wie Buchseiten auffassen, von vornherein die Disposition von abstandhaltenden Beobachtern mitbringen [...]. Das Lesen gilt folgerichtig als Ernten auf den Feldern des Wissens. Der homo legens wird so auf unauffällige Weise zu allgemeiner epoché-Fähigkeit erzogen" (90).

Fazit: Ein Muss für alle, die auch mit Begeisterung "Du musst dein Leben ändern" gelesen haben. Sloterdijks kunstvolle Sprache ist ein Genuss und sein Hauptthema vergangener Jahre geht uns alle an: Welche Möglichkeiten haben wir als Individuen, unserem Leben im Zeitalter des Tod Gottes einen Sinn zu geben? Der Geist Nietzsches weht deutlich spürbar durch Sloterdijks Denken und Übungsmensch und Übermensch sind sicherlich nicht nur phonologisch sondern auch semantisch zumindestens verwandter Natur.
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may 2012 by snearch

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