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5 weeks ago by jakoubek
Thea Dorn, Vaterlandsliebe ǀ Im Irrgarten der Kulturnation — der Freitag
Es deutet sich eine „patriotische Mitte“ an. Das Spitzenduo der Grünen zum Beispiel begab im Sommer auf eine Art magical history tour zu den Wallfahrtstätten des deutschen (und des teutschen) Patriotismus: Wartburg, Hambach und Hermannsdenkmal, selbst dieses. Motto der Werbetour: „Des Glückes Unterpfand“. Es gibt offensichtlich ein Bedürfnis in Teilen der Bevölkerung, ein Bedarf, dessen Bedienung politischen Gewinn bringt. Ob dieser aufgeklärte Patriotismus den Rechten die Themen nimmt, ist jedoch zu bezweifeln. Vielleicht sogar liefert er ihnen weitere Gegenstände und Diskurselemente.

Als Philosophin (seit langem ein Distinktionsmerkmal, auch beim patriotischen Grünen Robert Habeck wird stets darauf hingewiesen) beweist sie die Kulturexistenz mit Wittgenstein. Der zeige nämlich am Beispiel des Begriffs Spiel, dass es „ein kompliziertes Netz von (Familien-)Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen“. So sei es auch mit der (deutschen) Kultur. Dass Wittgenstein einst an Russell schrieb, Identity is the very Devil!, vergessen wir einfach. Zumal Dorn der deutschen Kultur eine – diskurspraktische – plastische Identität zuschreibt, die dumpfe Elemente abgeben und fortschrittliche aufnehmen kann. Stimmt irgendwie, sagt sich der Leser, um dann aber irritiert zu erfahren:

Auch für Kulturen gilt: Inzest ist der sicherste Weg in die Degeneration. Befruchtung von außen muss sein. Aber sämtliche Wandlungen der deutschen Kultur, selbst diejenigen, die durch Fremdherrschaft (Römer) oder Besatzung (Franzosen, Amerikaner) bewirkt wurden, konnten sich nur vollziehen, weil sie in Deutschland irgendwann auf fruchtbaren Boden gefallen sind.

Ich möchte die Frage nach Bewirkungen auf unfruchtbaren Boden nicht stellen, wohl aber die nach der römischen „Fremdherrschaft“ in „Deutschland“. Das klingt doch arg und unplastisch nach den „frech gewordenen Römern“ des 19. Jahrhunderts, genauso wie die stolze Behauptung, mit der deutschen Weinkultur hätten „die Deutschen“ die römischen und französischen Lehrmeister in der Kunst übertrumpft. Das hat etwas von der Plastizität des Hermannsdenkmals.

Thea Dorn, ganz „deutsche Seele“, definiert in diesem Sinne:

Zivilisation“ ist ein vorrangig politischer Begriff... Kultur hingegen ist der Scholle verhaftet. Ihr Bewohner ist nicht der Bürger, sondern der Bauer. Der Gärtner. Der Lehrer. Der Priester.

Und bevor der Leser angesichts der begriffsgeschichtlichen Herleitung Zweifel bekommt - schließlich war für die französischen Aufklärer war die „Civilisation“ immer auch „Culture“, und ist die Wesensunterscheidung der Begriffe historisch zutiefst reaktionär und kriegsaffin, wie im Ersten Weltkrieg fast alle deutschen Bildungsbürger bewiesen, die, wie Thomas Mann, ihre Schiller, Goethe und Herder kannten - redet die Autorin Tacheles:

Ja, Himmelhergott,ist die traditionell deutsche Verteidigung gegen die Zivilisation nicht genau das, was wir in unserer gegenwärtigen Situation brauchen?

Und einmal in Fahrt:

Im 20. Jahrhundert haben wir Deutschen, und mit uns die gesamte Welt, die grausame Erfahrung gemacht, wie ein einseitig verabsolutiertes Verständnis von Kultur in Barbarei umschlägt. Es wäre ein brutaler Treppenwitz der Geschichte, wenn die Menschheit im 21. Jahrhundert die Erfahrung machen müsste, wie ein einseitig verabsolutierter Zivilisationsbegriff ebenfalls ins Verderben führt.

Sehr wohl hat die gesamte Welt die Erfahrung deutscher Barbarei – und um die geht es hier - gemacht. Aber war deren Ursache ein „einseitig verabsolutiertes Verständnis deutscher Kultur“ oder nicht eher eine romantisch grundierte nationalistische Großmann-Kultur, die fabelhaft zu den imperialistischen Bestrebungen einer zu spät gekommenen Nation passte?

„Leitzivilität“ ist ein besserer Begriff, Zivilität vielleicht ein noch besserer.

Von der „Leitkultur“ zur „Identität“ ist es nur ein kleiner Schritt. Die gesamte Argumentation der Autorin steht und fällt mit der Behauptung einer, allerdings plastischen „Selbigkeit“ der Mehrheit der in Deutschland lebenden Bevölkerung und der tatsächlichen Existenz einer deutschen Kultur seit dem 18. Jahrhundert, die von der aktuellen „Identitätsdiffusion“ bedroht ist. Die Psychologie muss helfen, und bekanntlich führen alle Identitätszuschreibungen zu Erikson. 1951 schreibt dieser:

Das Wort Identität, das wir hier benutzen, hat den Vorteil, dass es eine doppelte Beziehung beschreiben kann: man kann mit sich selbst identisch sein und zur selben Zeit dennoch identisch mit etwas anderem.

Und dieses „Andere“ ist für Erikson die „kulturelle“ oder „nationale Identität“. Der Historiker Lutz Niethammer hat in seiner Spurensuche zum Begriff der kollektiven Identität herausgearbeitet, wie „bewundernswert und bodenlos“ die diesbezüglichen Forschungen Eriksons sind. Die konkrete historische Komplexität wird genial reduziert und erlaubt Exkulpationen wie die folgende:

(Die Welt) hat dauernd das verzweifelte deutsche Bedürfnis nach Einheit unterschätzt, das in Wirklichkeit von Leuten gar nicht verstanden werden kann, denen in ihrem eigenen Land eine solche Einheit selbstverständlich ist.

Im Klartext bedeutet dies, dass nur ein Deutscher um seine „geheime“ (die un-heimliche?) Identität wissen kann. Umso besser kann man klagen, wie Dorn es mit ihren Hinweisen auf die „Zersplitterung des Selbstbildes“ oder “Verlust der Mitte“ (übrigens der Titel eines klerikal-reaktionären Buches eines ehemaligen Nazis aus den fünfziger Jahren) tut. Dorns Antidot ist die Re-Akkomodation an die kulturelle Identität, die „Urvertrauen“, „Autonomie“ und „Werksinn“ schafft. Die „Ur-Wörter“ kommen in diesem Kontext besonders gut. Eine „gesunde“ deutsche kulturelle Identität im Jahre 2018 lehnt sowohl das „Deutschsein“ der Rechten (z.B. der Identitären) als auch die „Beliebigkeitsillusion“ der Linken (so wie sie Dorn versteht) ab. Überhaupt sieht sich die Alpinistin auf einem Grat, rechts „der Abgrund eines versteinerten Kulturessenzialismus“, links „das Wolkenmeer postmoderner Multi- und Hyperkulturalität“.

Folgen wir ihr auf dem Grad zum Heimatgipfel. Mit Luis Trenker: „Der Berg ruft!“ Und sie geht sicher, identitätssicher, und beseelt, denn mit Joseph Görres weiß sie: ,

Der Mensch fußt … mit tiefen Wurzeln in der Vergangenheit seines Dasein, und sie erstrecken sich weit unter ihrem Boden weg in uralte Zeit...

Am Ende zitiert sie die eher linken Améry und Bloch zum Thema Heimat. Interessanterweise diesmal nicht Adorno. Hatte der doch am Ende seines Heine-Aufsatzes befunden:

Es gibt keine Heimat mehr als die Welt, in der keiner mehr ausgeschlossen würde,

und damit die notwendige gesellschaftliche Transformation als Grundlage transnationaler Humanität – ohne deutsches Heimatgedöns.

Dorn wendet sich heftig gegen ein „Europa der Regionen“ (in denen das Nationale fehlen würde) und vor allem gegen eine Republik Europa ohne Nationalstaaten, wie es Ulrike Guerot vorschlägt. Dorn möchte ein Europa des „Wir“, ein Europa mit einer großen Erzählung, mit Tönnies eine „gegenseitig-gemeinsame, verbindende Gesinnung...“ Warum ausgerechnet dieser Begriff? Braucht Europa nicht vor allem ein sinnvolles, weil humanes, ökonomisches System? Aber lassen wir's. Gartenarbeit wird halt nicht als Arbeit im ökonomischen Sinn verstanden, sondern als Therapie. Immerhin steht fest: der aufgeklärte Patriot ist für eine europäische Gemeinschaft (der nationalen Identitäten? Der Heimaten?). Und, wie wir weiterhin erfahren, etwas erleichtert, übrigens: er ist ein strenger Verfechter der Menschenrechte, gegen den neurechten Ethnopluralismus und gegen den linken Kulturrelativismus.

Wir betreten den Garten der deutschen Nation. Thea Dorn, ganz schön selbstsicher, selbstidentisch, möchte uns mal eben erklären, „warum es sie gibt“. Genauer, sie möchte „für ein deutsches Wir“ plädieren, es historisch herleiten. Der „Traum von der deutschen Nation“ (der für so viele ein Alptraum werden sollte) sei älter als der Nationalstaat. Das stimmt. Falsch ist, dass das Heilige Römische Reich deutscher Nation sich im 10. Jahrhundert herausbildete. Erst zur Stauferzeit kam es zum Begriff „Heiliges Römischen Reich“, und der Zusatz „Deutscher Nation“ erfolgte erst in der frühen Neuzeit. Das sei nebenbei bemerkt. Von einem „aufgeklärten Kulturpatriotismus“ (Bernhard Giesen) kann man erst Ende des 18. Jahrhunderts sprechen. Das damalige nach wenigen Zehntausenden zählende Bildungsbürgertum, das die "Kulturnation" bildete, war weltoffen, so Dorn. Allerdings drehte sich dies mit den napoleonischen Kriegen, wie sie – sehr knapp – an den Beispielen Kleist, Körner und Jahn zeigt. Paradigmatisch für die Methode Dorn sind die Reden Fichtes an die „deutsche Nation“ (1807, 1808). Bei Dorn lesen wir den Passus:

...was Vaterlandsliebe eigentlich will, das Ausblühen des Ewigen und Göttlichen in der Welt, immer reiner, vollkommener und getroffener im unendlichen Fortgange.

Das klingt klassisch-weimarisch. Die Autorinhätte, dem historischen Kontext, der Rezeption der Reden und ihrem Anliegen angemessen, auch diese Passagen zitieren können (oder müssen):

Die Deutschen sind das Urvolk“, das das Recht hat, sich das Volk schlechtweg, im Gegensatz zu anderen von ihm abgeschnittenen Stämmen zu nennen, wie denn auch das Wort Deutsch in seiner eigentlichen Wortbedeutung das so eben gesagte bezeichnet...Lasst uns auf der Hut sein gegen diese Überraschung der Süßigkeit des Dienens, denn diese raubt sogar unsern Nachkommen die Hoffnung künftiger Befreiung... Wenn ihr versinkt, so versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hoffnung einer einstigen Wiederherstellung.

Dieses nun ist so weit nicht entfernt vom „Am Deutschen Wesen wird einmal noch die Welt genesen“.

Dorn analysiert nicht die Tatsache, dass der … [more]
deutschegeschichte  geschichte:deutsch  deutsch  zivilgesellschaft  rechts:diskurs  volk  heimat 
8 weeks ago by MicrowebOrg

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