Heimat   61

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!! Der Heimatbegriff im Wandel - Heimat ist die Utopie einer Zukunft für alle 
Das Resultat heißt: Erfolg der Populisten. Diese beschwören eine Welt, die es in dieser Form nie gegeben hat: ein perfektes Haus der Zugehörigkeit, eine „Heimat“ eben, die allen, nicht nur den Besitzenden gehört und aus der nicht viele automatisch ausgeschlossen sind, eine Welt ohne Fremde, ohne einschneidende Veränderungen, mit klar definierter Zugehörigkeit. Die Maßnahmen, die die Populisten vorschlagen, um dies zu erreichen, werden nicht funktionieren. Die Mauern, Zäune und Ausschlüsse halten die Entwicklung genau so wenig auf wie das Anzünden von Fabriken im 19. Jahrhundert die Industrialisierung aufgehalten hat. Denn es geht nicht um Globalisierung oder Heimat, genau so wenig wie es im 19. Jahrhundert. um Industrialisierung oder Heimat ging, es geht darum, auch unter der Ägide der Globalisierung eine Heimat zu finden. Denn Heimat ist nicht vergangene Idylle, sondern Utopie, die Utopie einer Zukunft für alle.

Zur Zeit ist Heimat ein Hype. Dieser Hype hat mit Globalisierung zu tun, und diese wiederum mit gefühltem Verlust. Nicht, dass es uns schlecht gehen würde, aber ein grosser Teil der Bevölkerung hat in den letzten Jahren keinen Fortschritt verspürt, während eine kleine Minderheit abhebt und zugleich andere Teile der Welt sich schnell entwickeln. Die Menschen der westlichen Welt spüren, dass die Globalisierung nicht für sie läuft, vielleicht sogar eher gegen sie, da es um eine Neuverteilung des globalen Wohlstandes geht. Deshalb wenden sich viele gegen die damit verbundenen Entwicklungen, wollen zurück in eine Welt, in der es für alle aufwärts ging. Dieses Zurück nennen sie Heimat.

Daher waren schon immer viele Menschen mobil und heimatlos, verdienten ihren Lebensunterhalt umherziehend, als Bettler, Wanderhändlerin oder Söldner. Je mehr Menschen im 19. Jahrhundert mit der zunehmenden Industrialisierung aus ihrer Heimat wegzogen, umso intensiver wurde die Heimat, nun verstanden als Ort der Herkunft, der Vertrautheit, der Idylle, sentimental beschrieben und besungen. Der entstehende Nationalstaat machte sich dieses Gefühl zunutze, um die Gemeinschaft der in ihm Lebenden zu stärken, indem er sich als neue Heimat anbot, grösser und abstrakter zwar als die kleine Heimat, aber doch verbunden etwa durch gemeinsame Sprache, vertraute Verhaltensweisen, das Beschwören einer gemeinsamen Geschichte und Kultur. Heimat wurde auf diese Weise zu einer abstrakten Dimension. Benedict Anderson spricht von der imagined community, der «vorgestellten Gemeinschaft», die eine Nation darstelle. Man kennt sich zwar nicht mehr, die Menge ist unüberschaubar geworden, aber dennoch fühlt man sich in ihr daheim, sieht sich als Teil von etwas Größerem.

Die Vertrautheit der Heimat ist aber auch eine zeitliche. Heimat steht oft für die Jahre der Kindheit, der Unbeschwertheit, für eine Zeit, an die Erwachsene sehnsüchtig zurückdenken, weil ihnen das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit häufig abhandenkommt. Auch die raschen Veränderungen der Umgebung durch Modernisierungsprozesse aller Art, durch Abriss, Um- und Neubau sowohl der materiellen Umgebung wie auch der Strukturen und Institutionen führen zu einem Vertrautheitsschwund, wie Hermann Lübbe das genannt hat.

Teil dieses Vertrautheitsschwundes ist weiter die Auseinandersetzung mit dem Fremden und den Fremden. Gemeint sind Menschen und kulturelle Verhaltensweisen, die traditionell nicht dazugehören. Das Merkwürdige daran ist allerdings die Tatsache, dass sich die Grenzen des «Vertrauten» und des «Fremden» ständig verschieben. Was gestern noch fremd war, ist heute vertraut, sogar Lebensstil-Vorbild, etwa die mediterrane Lebensweise, angefangen bei der italienischen Küche über die Ferien im sommerlichen Spanien bis zum Traum vom Haus in der Toskana.

Auch Normen und Werte müssen in diesem Prozess des Vertrautheitsschwundes diskutiert und neu ausgehandelt werden. Vieles ist heute selbstverständlich, was eben noch heftig umstritten war. Man denke etwa an die Gleichstellung der Geschlechter, die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen oder den Schwund der Machtposition der Kirche, welche die Gesellschaft in wenigen Jahrzehnten fundamental verändert haben – auch ohne die vielbeschworenen Einflüsse durch Migrantinnen und Migranten.

Passieren aber zu viele Änderungen zu schnell, verlieren viele Menschen den Boden unter den Füssen, sie werden angeblich «entwurzelt», eine seltsame Metapher bei einem Lebewesen mit zwei Beinen. Insbesondere Migrantinnen und Migranten kennen dieses Gefühl bestens. Aus der Auseinandersetzung zwischen alter Heimat und neuem Lebensmittelpunkt ergibt sich für sie oft eine Konstellation der Zerrissenheit zwischen den Wertvorstellungen und kulturellen Erwartungen von «hier» und von «dort». Häufig sehnen sie sich nach einem Leben in der geliebten alten Heimat. Ziehen sie dann hin, etwa im Rentenalter, stellen sie aber mit Schrecken fest, dass ihnen die Heimat fremd geworden ist. Sie hat sich verändert, denn Gesellschaften verändern sich trotz aller Beschwörung der Tradition unaufhaltsam.
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june 2017 by MicrowebOrg
Politische Mythologie: Im Geisterreich des Völkischen | ZEIT ONLINE
Das Gefährliche an Rechtspopulisten ist nicht bloß ihr eigenwilliger Umgang mit Fakten. Es ist ihre Sehnsucht nach einer politischen Mythologie.
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april 2017 by anne_joan
Andreas | Rhein-Center
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april 2017 by ndCooper
www.sueddeutsche.de
Unser örtlicher Korrespondent erklärt, worauf sich Neu-Studenten in Franken einstellen müssen. Er versucht es zumindest. Ja, wie ist er denn jetzt, der Franke? Ein Exil-Münchner hat kürzlich versucht, das auf einen Nenner zu bringen. via Pocket
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january 2017 by hansdorsch
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People. This is the total immersion in German (movie) history: is now on Netflix. All 53 hours of it.
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december 2016 by joha04
The History of Revolving Restaurants - Lucky Peach
Die Geschichte des sich drehenden Restaurants beginnt natürlich in...
Dortmund.
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june 2016 by grzbielok
Kontakt | YT Industries
Der Name klingt nach China. Die Firma kommt aus Forchheim
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february 2015 by fahrradio
Makrugstemmen bei der Heiligenstadter Kirchweih | inFranken.de
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— Hans Dorsch (@hansdorsch) July 1, 2014
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june 2014 by hansdorsch

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